Bewertung: 7
Ralf Huettner

Vincent will meer

"Wohin willst Du?" "Ans Meer."

Foto: Copyright: Constantin Film
© Constantin Film

Inhalt

Mit dem Tod seiner Mutter hat Vincent (Florian David Fitz), der am Tourette-Syndrom leidet, seine einzige Bezugsperson verloren. Von seinem entfremdeten Vater (Heino Ferch) wird er in ein Heim gesteckt, um dort zu lernen, mit seinen Tics besser umzugehen. Dort trifft er auf die magersüchtige Marie (Karoline Herfurth) und den zwangsneurotischen Alexander (Johannes Allmayer). Als Marie vorschlägt, mit dem Auto der Cheftherapeutin (Katharina Müller-Elmau) zu verschwinden, schließt sich Vincent ihr an und auch Alexander kommt wohl oder übel mit auf die Reise. Die drei haben ein Ziel: das Meer.

Kritik

Es stellt immer ein gewisses Risiko dar, wenn man Filme über eine Minderheit oder Randgruppe dreht vor allem, wenn man gleichzeitig eine Geschichte haben will, die nicht nur tragische, sondern auch lustige Elemente besitzt. Der Drahtseilakt zwischen Geschmacklosigkeit und wirklicher Komik ist dabei nicht immer einfach zu meistern, doch was Florian David Fitz mit "Vincent will meer" gelingt, ist genau eben das: ein Film über drei Außenseiter, mit seinen lustigen und seinen traurigen Momenten.

Dass Fitz sich dazu entschloss, mit diesem Film das Tourette-Sydrom zu thematisieren, war in vielerlei Hinsicht ein mutiger Schritt. Zum einen ist der besagte Drahtseilakt hier besonders schwierig, weil man als Außenstehender durch die Tics eines Tourette-Leidenden zunächst irritiert wird, da diese Krankheit neben unkontrollierten Zuckungen sich auch in dem plötzlichen Ausrufen von Schimpfwörtern manifestiert. Zum anderen dürfte es für jeden Schauspieler eine Herausforderung sein, diese Tics überzeugend darzustellen. Als Drehbuchautor und Hauptdarsteller hatte Fitz beides zu bewältigen, schafft dies jedoch auf eindrucksvolle Weise. Er weiß sowohl die Symptome des Tourette glaubhaft zu spielen als auch seiner Figur eine gewisse Männlichkeit zu verleihen, um Vincent so nicht nur als simplen Tourette-Leidenden hinzustellen, sondern auch als eine Person, als einen Mann mit Träumen, Hoffnungen und Wünschen.

Mit Karoline Herfurth als anorektische Marie und Johannes Allmayer als herrlich skuriller Sauberkeitsfanatiker Alexander ergibt sich schließlich ein Trio, das der Zuschauer gerne auf seine Reise ans Meer begleitet. Während sich zwischen Marie und Vincent eine zarte Liebesgeschichte entwickelt, die aber glücklicherweise jeglichen Kitsch und auch die meisten Klischees vermeidet, sorgt die Figur des Alexander für die lustigsten Momente. Seine vielfältigen Zwangsneurosen führen immer wieder zu urkomischen Szenen, ohne dabei aber die Krankheit an sich lächerlich zu machen. Im Gegenteil, es wird auch dieser Rolle eine gewisse Mehrdimensionalität verliehen, indem die dunklen Seiten von Alex aufgezeigt werden, was für den Film wichtig ist. Denn nur so, durch das Aufzeigen und Beleuchten der inneren Schwächen und auch der inneren Wut, die in den Figuren schwelt, werden reale Charaktere geschaffen, mit denen man als Zuschauer mitempfinden kann. Dabei scheut der Film nicht davor, auch peinlich berührende oder für die Charaktere schamvolle Situationen ungeschönt darzustellen.

Die Story an sich ist letztlich nicht außergewöhnlich, aber das macht angesichts der interessanten Charaktere nicht viel aus. Diese sind es, die aus dem Film mehr machen als nur einen platten Roadmovie, sondern vielmehr eine Geschichte um das Erwachsenwerden und Sich-selbst-finden unter besonders schwierigen Umständen. Nett eingebettet wird hier auch eine Vater-Sohn-Beziehung, die durch Vincents Roadtrip und der turbulenten Verfolgungsfahrt von dessen Vater und Vincents Therapeutin Dr. Rose eine Wandlung erfährt. Die Entwicklung von Vincents Vater von einem gemeinen, egozentrischen Politiker zu einem halbwegs fürsorglichen Vater erscheint dabei etwas plötzlich, doch Heino Ferch meistert es recht gut, dem Publikum diese Wende zu verkaufen. Er und Katharina Müller-Elmau sorgen als streitendes Team wider Willen zudem für weitere amüsante Szenen.

Die Mischung aus Drama und Komödie ist Florian David Fitz insgesamt beeindruckend gelungen. Beeindruckend deshalb, da "Vincent will meer" dessen erstes Drehbuch überhaupt war. Das mit seinem Part des Dr. Marc Meier in "Doctor's Diary" festgefahrene Rollenklischee des Womanizers hat Fitz zudem gleich erfolgreich abgelegt ironischerweise bedeutete die Rolle des Vincent aber eigentlich nicht einen neuen Rollentyp für Fitz, sondern vielmehr eine Rückkehr zu dem, was er vor Marc Meier generell gespielt hatte: den sensiblen und liebenswerten Typ einen wie Vincent eben.

Fazit

Dank der verschrobenen Charaktere und einer gelungenen Mischung aus Tragik und Humor kann "Vincent will meer" als Roadmovie der etwas anderen Art wunderbar unterhalten und bleibt dabei nicht mal kurzweilig, sondern hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Maria Gruber - myFanbase
05.05.2010

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