Bewertung: 8
Julian Schnabel

Schmetterling und Taucherglocke

Etais-je aveugle et sourd ou bien faut-il nécessairement la lumière d'un malheur pour éclairer un homme sous son vrai jour?

War ich blind und taub zugleich, oder brauchte ich erst ein Unglück, um mir über meine wahre Natur klar zu werden?

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Inhalt

Ein plötzlicher Schlaganfall beendet das glamouröse und sorgenfreie Leben des Elle-Chefredakteurs Jean-Dominique Bauby (Mathieu Amalric) von einem Tag auf den anderen. Der 42-jährige fällt für drei Wochen in ein Koma und als er erwacht, muss er mit Entsetzen feststellen, dass sein gesamter Körper gelähmt ist. Er hat das so genannte Locked-In-Syndrom: sein Geist und sein Verstand sind hellwach, sein Körper allerdings leblos. Bauby kann nur noch sein Auge bewegen.

Dieses Auge wird zu Jean-Dominiques einziger Kontaktmöglichkeit mit der Außenwelt. Er verständigt sich per blinzeln, einmal blinzeln bedeutet Ja, zweimal heißt Nein. Gefangen in seinem eigenen Körper, beginnt er, über sein Leben nachzudenken, über seine Fehler, über seine Erfolge und darüber, wie vergänglich das Leben doch ist. Mithilfe der geduldigen Redakteurin Claude Medibil (Anna Consigny) "schreibt" er diese Gedanken nieder, indem er ihr Buchstabe für Buchstabe per Lidschlag diktiert.

Kritik

E S A R I N T U L... das sind die häufigsten Buchstaben in der französischen Sprache. Für Jean-Dominique Bauby wurde diese Sequenz lebensnotwendig, um sich mit der Außenwelt zu verständigen. Das Ganze funktionierte so: Sein Gegenüber sagte diese Buchstabenfolge so lange auf, bis er blinzelte, schrieb diesen Buchstaben dann nieder und wiederholte dies so oft, bis sich ein Wort ergab. Auf diese Weise entstand Baubys autobiographischer Roman "Schmetterling und Taucherglocke", auf dem dieser fantastische Film basiert.

Regisseur Julian Schnabel gelang mit "Schmetterling und Taucherglocke" ein unwahrscheinlich emotionaler und ergreifender Film und selbst wenn man Baubys Buch nicht kennt, kann man ahnen, dass hier eine nahezu perfekte Buchverfilmung vorliegt. Schnabel nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise durch Baubys Gedanken- und Gefühlswelt und macht den Film somit zu einem persönlichen Ereignis für jedermann. Bereits in den ersten Minuten überkommt einen das Gefühl von Hilflosigkeit und Verwirrung, als man durch die Augen von Jean-Dominique alles wahrnimmt, was um ihn herum passiert: er hat keine Ahnung, was los ist, sein Blick ist trüb und starr, Ärzte flüstern, er liegt in einem unbekannten Zimmer. Er redet, doch keiner hört ihn, denn aus seinem Mund kommen keine Laute. Ein Arzt erklärt ihm schließlich, was passiert ist: er hatte einen Schlaganfall und ist nun komplett gelähmt. Als man ihm dann auch noch ein Auge zunähen muss, um eine Infektionsgefahr zu verhindern, ist Baubys Verzweiflung nahezu greifbar, denn man hört ihn innerlich schreien und flehen, doch er kann nichts machen. Er ist hilflos und muss mit ansehen, wie die Hälfte seines Augenlichts plötzlich erlischt.

Die Intensität des Films ist sicherlich der Erzählweise zu verdanken, die Julian Schnabel gewählt hat. Der Zuschauer hat das Gefühl, in Baubys Körper zu stecken, er hört seine Gedanken aus dem Off, sieht durch sein Auge, man bekommt sogar das Blinzeln mit. Damit diese ungewohnte Kameraeinstellung aber nicht anstrengend wird, wechselt die Kamera nach einiger Zeit in die Außenansicht, sodass man das Geschehen auch von Außen verfolgen kann. Dieser geschickte Wechsel zwischen Baubys Sicht und der "normalen" Sicht eines Zuschauers sorgt dafür, dass man gleichzeitig Baubys Situation nachempfinden, aber auch die Geschehnisse um ihn herum bequem mitverfolgen kann.

Doch es ist vor allem Jean-Dominiques Voiceover, das einen berührt, zum Weinen und zum Lachen bringt und einem schmerzlich klar macht, was für einer Hilflosigkeit er ausgesetzt ist. Und doch ist es immer wieder bemerkenswert, mit was für einem Humor und Sarkasmus Bauby seine Situation nimmt. So bekommt er zum Beispiel täglich Besuch von seinen zwei Therapeutinnen, Henriette und Marie, die sich rührend um ihn kümmern und Jean-Dominique ärgert sich, wie unfair die Welt doch ist, dass er zwei heiße Frauen an seinem Bett hat und sich nicht bewegen kann. Szenen, in denen man unweigerlich lachen muss. Wenn man jedoch mit ansieht, wie Jean-Do von mehreren Pflegern gewaschen werden muss und wie entwürdigend das für ihn ist, kommen einem die Tränen.

Zu Tränen gerührt ist man in vielen Augenblicken während des Films. Dafür ist die Geschichte zu ergreifend, der Film zu gut gemacht und als Zuschauer stellt man sich am Ende unweigerlich die gleiche Frage wie Bauby: Habe ich etwas aus meinem Leben gemacht? Dies wird einem besonders deutlich, wenn man Bauby in Flashbacks sieht, nicht im Rollstuhl, sondern als attraktiven und erfolgreichen Chefredakteur der Elle, der seine Frau und seine drei Kinder für eine Affäre verließ, der nie besonders gläubig war und der seinem Vater eine Rasur verpasst. Der Film entlässt einen somit mit der Aufforderung, jeden Moment des Lebens zu genießen, das Leben zu schätzen, sich nicht zu beschweren, sondern zufrieden zu sein, denn das, was Jean-Dominique Bauby passiert ist, kann jedem auf die ein oder andere Weise passieren.

Fazit

Erschütternd, bewegend, emotional "Schmetterling und Taucherglocke" ist ein großartiger Film mit kaum einem Makel, der auf beeindruckende Weise zeigt, was es bedeutet, in seinem eigenen Körper gefangen zu sein.

Maria Gruber - myFanbase
03.04.2008

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