Kansas "Carry On Wayward Son"
Die inoffizielle Hymne

"Carry on my wayward son.
There'll be peace when you are done.
Lay your weary head to rest.
Don't you cry no more..."


Selbst jenen Leuten, die "Supernatural" nur so nebenbei verfolgen, wird allerspätestens in der dritten Staffel auffallen, dass sie diese Zeilen bereits zuvor gehört haben. Und den Fans der Serie wird der Song "Carry On Wayward Son" der Progressive-Rock-Band "Kansas" den Adrenalin-Pegel in die Höhe treiben, weil mit dem à cappella gesungenen Beginn gleichzeitig immer ein Staffelfinale eingeleitet wird. Und wirklich lässt der 1976 herausgegebene Titel sich quasi in jede Storyline der bisherigen Staffeln "hininterpretieren".

Die Wahrheit Fakten hinter dem Song

Foto: Jared Padalecki & Jensen Ackles, Supernatural - Copyright: Warner Bros. Entertainment Inc.
Jared Padalecki & Jensen Ackles, Supernatural
© Warner Bros. Entertainment Inc.

"Carry On Wayward Son" fälschlicherweise oft als "Carry On My Wayward Son" tituliert wurde von Kerry Livgren, dem Gitarristen der amerikanischen Rock-Band "Kansas", geschrieben. Die Nummer erhielt ihren Platz im vierten Album der Band, "Leftoverture". Bis heute ist COWS, wie das Lied von Fans liebevoll genannt wird, eines der bekanntesten Lieder der Band, und zusammen mit "Dust In The Wind" ihr größter Hit.

Kerry Livgren spielt in COWS laut eigenen Aussagen bewusst auf das Lied "The Pinnacle" an, dem letzten Song des Vorgängeralbums "Masque". So wird quasi vom einen Album an das andere direkt angeknüpft. Inhaltlich beschäftigt sich COWS mit allen großen Fragen des Menschen. Spezifisch religiös zu betrachten sei der Song allerdings nicht.

Dennoch lassen sich Anspielungen nicht verbergen. So ist die Geschichte vom verlorenen Sohn aus der Bibel mehr als deutlich bereits aus dem Titel zu lesen. In dieser Bibelstelle des Lukasevangeliums lässt sich der Sohn eines Bauern auszahlen, um im Ausland sein Glück zu finden. Er verprasst sein ganzes Geld bei Prostituierten und Feiern. Als er schließlich bei einem Bauern als Tagelöhner arbeiten muss, um überhaupt zu überleben, und er bemerkt, wie gut es den Tagelöhnern bei seinem Vater geht, macht er sich auf den Weg nach Hause. Dort verlangt er von seinem Vater nicht, dass er ihn wieder als Sohn aufnimmt, sondern als Arbeiter. Der Vater aber ist so glücklich über die Rückkehr des verlorenen Sohnes, dass er sein Mastvieh schlachten lässt, um ein Fest zu feiern. Der ältere Bruder des verlorenen Sohnes, der stets treu an der Seite des Vaters gestanden hatte, stets seinen Befehlen gehorcht hatte, war nun eifersüchtig und fragte, warum er bisher nicht einmal einen Bock bekommen hätte, der abtrünnige Sohn jedoch das gute Mastvieh. Der Vater antwortete mit den Worten:

"Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden."

Soweit dazu. Wir haben aber noch eine weitere direkte Anspielung. Dieses Mal auf den berühmten Erfinder Daedalus und seinen Sohn Ikarus, die in einem Labyrinth gefangen waren. Um zu entkommen, bastelte Daedalus sich und seinem Sohn Flügel aus Federn und Wachs. Die zwei erhoben sich in die Lüfte und obwohl Ikarus von seinem Vater gewarnt wurde, weder zu nah zum Wasser zu fliegen, denn die Federn könnten nass werden - noch zu nah zur Sonne, denn das Wachs könnte schmelzen - wurde er übermütig und flog in Richtung Sonne. Diese schmolz natürlich das Wachs, Ikarus fiel ins Meer und ertrank. Genauer nachzulesen bei Ovid, in den Metamorphosen oder der Ars Amatoria, oder in der Anspielung im Kansas-Song, wo allerdings der Flug zur Sonne mit dem Flug zur Erkenntnis gleichgesetzt wird:

"Once I rose above the noise and confusion
Just to get a glimpse beyond this illusion.
I was soaring ever higher,
But I flew too high."


So weit so gut mit Tatsachen und damit verbundenem langweiligem Religions- und Lateinunterricht. Was hat das Lied jetzt mit unseren Jungs zu tun? Wie verknüpft sich der Inhalt des Songs mit den roten Fäden der Serie?

Staffel 1

Foto: Jared Padalecki & Jensen Ackles, Supernatural - Copyright: Warner Bros. Entertainment Inc.
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In der ersten Staffel legt sich die Geschichte des verlorenen Sohnes quasi genau über die der Winchester-Brüder. Sam verlässt die Familie, um sein Glück außerhalb der Jagd zu finden. Als das Schicksal, beziehungsweise der Gelbäugige Dämon, ihm die Freundin nimmt, kehrt er quasi wieder nach Hause zurück, indem er sich wieder in die Jagd stürzt. Mit einem Mal will er zu seinem Dad. Im Gegensatz zum älteren Bruder in der Bibel ist Dean begeistert. Zumindest wenn man davon ausgeht, dass die Worte des Dämons im Staffelfinale nicht getroffen haben. Immerhin wird in #1.22 Teufelsfalle ausgesprochen, was sich Dean schon länger denken musste. Sam war Johns Liebling. Immerhin entspricht John Winchester darin seinem christlichen Vorbild und empfängt Sam mit offenen Armen.

Und Ikarus? Auch den kann man in der ersten Staffel finden. John warnt Dean und Sam immer wieder davor, die Kugeln des Colts zu verschwenden, weil diese Kugeln die einzige Möglichkeit bieten, den Gelbäugigen Dämon zu töten. Dennoch verschießt Dean eine Kugel, um Sam zu retten und Sam tut das Gleiche, um seinen Vater zu retten, der von einem Dämon besessen ist. Die Folge der Notwendigkeit, mit der die Brüder ihre Kugeln einsetzen, führt dazu, dass Dean im Staffelauftakt zur zweiten Staffel im Grunde das Zeitliche segnet. Erst in letzter Sekunde schließt John den Pakt, der seinem Sohn das Leben rettet und ihn selbst zur Hölle schickt. Wobei wir auch schon in Season 2 wären.

Staffel 2

Foto: Jensen Ackles & Jared Padalecki, Supernatural - Copyright: Warner Bros. Entertainment Inc.
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Was wäre, wenn Ikarus damals die Flügel seines Vaters bekommen hätte? Hätte er mit der Schuld leben können, dass sein Vater seinetwegen tot ist? Und die wichtigere Frage: Ist Daedalus Schuld am Tod seines Sohnes, oder der Sohn selbst? In der griechischen Mythologie ist die Antwort nahe liegend. Ikarus wurde gewarnt, er hat seine Schwingen missbraucht. Bei Dean ist es ähnlich, aber bei weitem komplexer.

Dean wurde bereits schwer verletzt, als er den Gelbäugigen Dämon provozierte. Obwohl er wusste, wie gefährlich sein Widersacher ist, hat sich der ältere Winchester von einem Gefühl der Überlegenheit gegenüber dem Bösen hinreißen lassen. Das ist es, womit Dean zu kämpfen hat. Er hat wegen seiner Arroganz sein eigenes Leben riskiert, rechnet auch mit seinen eigenen Konsequenzen. Natürlich erwartet er Unterstützung seitens seines Vaters, nicht aber, dass John und er die Plätze tauschen. Und irgendwie spricht Kansas, obwohl COWS erst wieder am Ende der zweiten Staffel zu hören ist, bereits zu Beginn aus der Seele Deans:

"Masquerading as a man with a reason
My charade is the event of the season"


Er kämpft die gesamte zweite Staffel über mit seinem Schuldgefühl, das ihn nicht loslässt. Aber nicht nur bei Dean, sondern auch im Hinblick auf Sam bekommt der Text des Songs eine vollkommen neue Bedeutung. Der jüngere Winchester macht sich auf, um hinter das Geheimnis des Gelbäugigen Dämons zu kommen und kommt diesem Geheimnis zu nahe. Als er erfährt, was Dean über ihn weiß, kann er noch weniger verstehen, was mit ihm geschieht. Er hat Visionen, wird vom Bösen auf die andere Seite gezogen. Er hat plötzlich Angst vor sich selbst, und auch er muss sich immer wieder selbst sagen hören, dass in ihm etwas Böses schlummert.

"Though my eyes could see I still was a blind man
Though my mind could think I still was a mad man
I hear the voices when I'm dreaming"


Die "voices" haben schon sehr große Ähnlichkeit mit Sams Visionen.

"Tossed about I'm like a ship on the ocean
I set a course for winds of fortune
But I hear the voices say"


Dass auch Sam, der durch seine scheinbare Nähe zum Bösen automatisch zum verlorenen Sohn wird, dem Wissen um seine Herkunft zu nahe kommt, indem er von dem Gelbäugigen Dämon entführt wird und schließlich sein Leben lassen muss, ist hinlänglich bekannt. Er wurde von dem Geheimnis seiner eigenen Vergangenheit wie von der Sonne angezogen. Und nach dem Flug kam der Fall. Doch auch dafür hatten die Autoren von "Supernatural" schließlich eine Lösung: Deans Deal.

Staffel 3

Foto: Jared Padalecki, Supernatural - Copyright: Warner Bros. Entertainment Inc.
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Weil er Sams Tod nicht hinnehmen konnte, opfert Dean seine Seele Lilith. Verlorener kann ein Sohn gar nicht sein, denn es scheint, als müsse Dean, der ältere Winchester-Bruder, auch nach dessen Tod unbedingt den Vorstellungen seines Vaters entsprechen, um dessen Tod für ihn zu rechtfertigen. Und hier kommt der Refrain der Rockband perfekt zum Einsatz, der uns ja, wie bereits angesprochen, à capella vom Anfang des Liedes bekannt sein dürfte. Die Aufforderung, sich mit seinem Schicksal abzufinden, den müden Kopf nieder zu legen, quasi alles ruhen zu lassen, muss sich Dean jeden Tag aufzwingen. Kämpft er nämlich gegen sein Schicksal an, bricht er den Deal und Sam ist verloren. Und gerade an der Stelle singt Kansas die in diesem Kontext morbidesten Zeilen:

"Carry on, you will always remember
Carry on, nothing equals the splendor
The center lights around your vanity
But surely heaven waits for you"


Dem verlorenen Sohn den Himmel zu versprechen, ist gewagt. Macht auch im biblischen Kontext Sinn, im Bezug auf Dean bekommt es aber eine durch und durch zynische Färbung. Das wiederum macht aber auch den Text für die dritte Staffel noch ansprechender, weil der Kansas-Song hämisch wirkt im Bezug auf das, was kommt.

Staffel 4

Foto: Jensen Ackles, Supernatural - Copyright: Warner Bros. Entertainment Inc.
Jensen Ackles, Supernatural
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Bleibt abzuwarten, was uns in Staffel 4 erwartet. Himmlisch genug wäre es ja, um das biblische Motiv einmal mehr aufzugreifen. Und durch die Veränderung Sams, die sich bereits am Anfang der Staffel erahnen lässt, haben wir wieder einen durch und durch verlorenen Sohn. Ob Dean allerdings dieses Mal den Vater ersetzt und den Heimkehrer mit offenen Armen empfangen kann, oder ob Sam Ikarus nacheifert und der Sonne zum Opfer fällt, wird sich zeigen.

So oder so, Kansas gehört zu unseren Jungs wie der Impala. Nicht nur weil das der Bundesstaat ist, in dem sie geboren wurden, sondern auch, weil die wahrscheinlich berühmteste Rockband dieses Bundesstaates die inoffizielle Hymne der Serie lieferte. "Carry On Wayward Son" sprüht nur so vor Inspiration und das dürfte auch den Autoren nicht entgangen sein. Umsonst hat der Song seinen Platz in der Serie nicht gefunden. Bleibt nur zu hoffen, dass er nicht vergessen wird und uns mindestens noch zwei Mal Nervenkitzel einläutet. Bis dahin kann man ja ein wenig Bibel lesen, ein wenig Ovid, sich noch ein Mal alle "Supernatural"-Folgen ansehen und tüfteln, wie viel noch zwischen den Zeilen verborgen liegt. Oder sich einfach überraschen lassen, wie viel Wahrheit in einer uralten Rock-Nummer stecken kann.

Eva K. - myFanbase

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