Bewertung: 7
Süskind, Patrick

Das Parfum

Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden. Er hieß Jean-Baptiste Grenouille, und wenn sein Name im Gegensatz zu den Namen anderer Scheusale [...] heute in Vergessenheit geraten ist, so sicher nicht deshalb, weil Grenouille diesen berühmteren Finstermännern an Selbstüberhebung, Menschenverachtung, Immoralität, kurz an Gottlosigkeit nachgestanden hätte, sondern weil sich sein Genie und sein einziger Ehrgeiz auf ein Gebiet beschränkte, welches in der Geschichte keine Spuren hinterlässt: auf das flüchtige Reich der Gerüche.

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Inhalt

17. Juli 1738 - Jean-Baptiste Grenouille erblickt das Licht der Welt als unehelicher Sohn einer Fischverkäuferin und ein Leben voller Unmenschlichkeit und Härte beginnt: von seiner Mutter auf den Fischmüll geworfen, scheint er schon am Tag seiner Geburt zum Tode verurteilt zu sein, doch er überlebt und wird von einer Amme großgezogen.

Grenouille wächst mit anderen Kindern zusammen in einem Pariser Waisenhaus auf, wo er nicht etwa Freundschaft und Freude erfährt, sondern Feindschaft und Lieblosigkeit. Doch sein Leben als Einzelgänger gefällt ihm, er lässt alles über sich ergehen, er ist zäh. Grenouille entdeckt schon früh, dass er anders ist, als die anderen; denn er ist mit einer außerordentlichen Gabe gesegnet, er hat eine besondere Nase. Er kann alles riechen und riecht es so intensiv, dass er sogar in der Dunkelheit problemlos seinen Weg findet, denn seine Nase leitet ihn.

Nach Jahren harter Arbeit beim Gerber Grimal, landet er schließlich bei einem Parfumeur, Monsieur Baldini, wo er die unendliche Welt der Gerüche kennen lernt. Angetrieben von dem Ziel, der beste Parfumeur der Welt zu werden, wird er Baldinis Lehrling und lernt geduldig die Methoden, die man zur Herstellung eines Parfums benötigt.

Eines Nachts nimmt er in Paris einen Duft wahr, der ihn so sehr fasziniert, dass er alles um sich herum vergisst. Er folgt dem Duftfaden durch die halbe Stadt zu seiner Quelle, einem bildhübschen Mädchen. Angetrieben von der Begierde, diesen Duft besitzen zu müssen, bringt er sie um, damit er ihren Geruch in all seinen Feinheiten aufnehmen kann.

Schließlich macht Grenouille sich auf nach Grasse, dem Parfumzentrum von Frankreich, doch auf dem Weg dorthin entdeckt er die geruchliche Leichtigkeit der Natur, sodass er seine Pläne bald ändert und sich auf einem Berg, weit abseits aller Zivilisation, in eine Höhle verkriecht. Hier lebt er sieben Jahre lang in völliger Einsamkeit und träumt von Düften.

Grenouille kehrt letztlich zurück zu den Menschen und entdeckt, warum er unter ihnen immer so unscheinbar war, sodass sie ihn fast nie wirklich wahrgenommen hatten: er hat selbst keinen Geruch. Diese Geruchlosigkeit treibt ihn dazu, verschiedenste Düfte herzustellen, menschliche Düfte, mit denen er sich beträufelt und die er dazu benutzt, andere nach Lust und Laune zu manipulieren.

Er erreicht sein ursprüngliches Ziel, Grasse, wo er als Geselle bei einer Parfümerie zu arbeiten beginnt, um seine Fertigkeiten zu perfektionieren. Denn Grenouille hat ein Ziel, das alles andere verdrängt: er will das beste und wunderbarste Parfum kreieren. Und dafür braucht er den reinen Duft von 25 schönen Jungfrauen, solchen, wie es das Mädchen aus Paris war…

Kritik

Wie viele Leute kennt ihr, die "Das Parfum" noch nicht gelesen haben? Zwei? Drei? Viele werden das auf jeden Fall nicht sein. Spätestens seit der Filmadaption des Buches von Patrick Süskind ist das Buch in aller Munde. Ein regelrechter Hype hat sich entwickelt, der nicht nur dafür gesorgt hat, dass der Roman nicht mehr aus der Bestsellerliste wegzudenken ist, sondern auch dafür, dass man sich einmal mit den Gedanken eines Mörders auseinandersetzen will.

Dieser Mörder ist Jean-Baptiste Grenouille. Ein sehr bezeichnender Name, denn Grenouille bedeutet auf Französisch "Frosch". Süskind beschreibt ihn aber nicht unbedingt als Frosch, sondern als Zeck und dieser Vergleich trifft es wirklich: "Er war zäh wie ein resistentes Bakterium und genügsam wie ein Zeck, der still auf einem Baum sitzt und von einem winzigen Blutströpfchen lebt, das er vor Jahren erbeutet hat. Ein minimales Quantum an Nahrung und Kleidung brauchte er für seinen Körper. Für seine Seele brauchte er nichts."

Grenouille hat eigentlich gar keine Seele, wüsste wahrscheinlich auch gar nicht, was das ist. Und obwohl er ein verachtenswerter Mensch ist, ein seelenloser Zeck, so schafft man es dennoch nicht, ihn zu hassen. Mit nahezu kindlichem Eifer jagt er den Düften hinterher, ermordet schließlich all die Jungfrauen, um ihren Duft einzufangen, und trotzdem kann man ihn nicht hassen. Süskind macht Grenouille zu einem Charakter, der auf der einen Seite gewissenlos und psychopathisch ist, der kaltblütig tötet - und dennoch hat man auf der anderen Seite Mitleid mit ihm: denn Grenouille tut alles für den Duft, für nichts anderes. Er kann gar nicht anders und das macht ihn so sonderbar, so interessant.

Überhaupt vermag Süskind den Charakteren im Buch eine Tiefe zu geben, die sie zwar auf der einen Seite zu verschmähenswerten Personen macht, aber andererseits auch wieder das Verständnis im Leser weckt. Baldini beispielsweise, ein arroganter und geiziger alter Parfumeur, der Grenouilles geniale Parfumkreationen unter seinem eigenen Namen verkauft, aber mit seiner eigenen Unfähigkeit zu kämpfen hat. Seitenweise kann man Baldinis inneren Dialog mitverfolgen und versteht ihn am Ende sogar irgendwie.

Wie Süskind das macht? Durch seine ausgezeichnete sprachliche Ausdruckskraft. Er benutzt ein sehr umfangreiches Vokabular und dazu noch eines, das genau dem Zeitraum des 18. Jahrhunderts entspricht. Seine Beschreibungen sind unglaublich detailliert, so detailliert, das es manchmal fast schon zu lang wird – aber sie geben dem Leser ein genaues Bild der Szenerie. Sie erwecken das Paris des 18. Jahrhunderts förmlich zum Leben und wenn Süskind auf über einer Seite den Gestank der Stadt beschreibt, so fühlt man sich fast mit seiner Nase dorthin versetzt.

Nun, wird das Buch den Lobeshymnen gerecht? Durchaus. Nicht umsonst wird "Das Parfum" von der Pariser Zeitung Le Figaro als ein Phänomen beschrieben, "das einzigartig in der zeitgenössischen Literatur bleiben wird." Patrick Süskinds Roman über die Geschichte eines Mörders ist fesselnd, zwar stellenweise etwas langatmig, aber auf hohem sprachlichem Niveau. Jean-Baptiste Grenouilles Aufstieg und Fall ist eine besondere Geschichte, die nicht jedem gefallen wird – aber dennoch fasziniert.

Maria Gruber - myFanbase
22.10.2006

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