Bewertung: 8
Martin, George R. R.

Wild Cards: Das Spiel der Spiele

Von falschen und echten Helden.

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Inhalt

Das so genannte "Wild-Card-Virus" hat bereits Millionen von Menschen getötet und teilt die Überlebenden in drei Gruppen: Die Normalen, die nicht infiziert sind, die Joker, bei denen das Virus körperliche Mutationen hervorruft, und die Asse, die Superkräfte entwickeln. In der US-Fernsehsendung "American Hero" treten nun zahlreiche Asse gegeneinander an und kämpfen um ein Preisgeld und die Zuneigung eines Millionenpublikums.

Doch während die amerikanischen Asse zur Volksbelustigung in inszenierten Prüfungen siegen oder verlieren, werden in Ägypten die Joker und ihre Unterstützer Opfer eines Völkermordes. Ausgerechnet die größten Verlierer von "American Hero", jene Asse, die zuerst aus der Sendung geflogen sind oder eigentlich nur hinter den Kulissen arbeiten, machen sich auf, in Ägypten zu wahren Helden zu werden - oder zu sterben.

Kritik

Sprechen wir es deutlich aus: dieses Buch ist eine Mogelpackung. Zum einen wird es vom deutschen Verlag Penhaligon wie der erste Band einer neuen Reihe präsentiert, dabei ist es genau genommen schon Band 18 von (bisher) 21. Die ersten sechs Bände der "Wild Cards"-Serie sind in Deutschland bei einem anderen Verlag erschienen, der die Veröffentlichung dann eingestellt hat. Nun wagt Penhaligon einen Neuanfang - nur nicht von Anfang an.

Zum anderen wird der populäre Name George R. R. Martin ziemlich offensichtlich als Lockmittel benutzt. Der berühmte Fantasyautor, auf dessen Bestsellersaga "Das Lied von Eis und Feuer" der Serienhit "Game of Thrones" basiert, ist nicht der alleinige Autor der "Wild Cards"-Romane, sondern in erster Linie der Herausgeber, der nur einzelne Kapitel beisteuert. "Wild Cards" ist ein Gemeinschaftsprojekt zahlreicher Fantasyautoren. Der Name George R. R. Martin zieht nur eben am meisten.

"Wild Cards: Das Spiel der Spiele", dieser erste/achtzehnte Band, wurde von insgesamt neun Autoren verfasst. Jeder davon hat ein oder mehrere Kapitel beigesteuert. Von George R. R. Martin stammt ein Kapitel.

Für eine Mogelpackung ist "Wild Cards: Das Spiel der Spiele" aber wirklich guter Lesestoff. Das gesamte Szenario um die Joker und die Asse ist hochinteressant, fantasievoll und stellenweise grotesk. Die mehr als 30 Asse, die wir in diesem Roman kennen lernen, decken ein breites Spektrum von Superman bis Suppenkasper ab. Ihre einzelnen Kräfte sind erstaunlich, aber nicht zwangsläufig sinnvoll einsetzbar, was sich keineswegs immer auf den ersten Blick erkennen lässt. Man wird einige Male etwas in die Irre geführt und überrascht, da sich manche Superkräfte, die zunächst eher skurril oder langweilig wirken, plötzlich als sehr wertvoll erweisen, während andere Fähigkeiten in der Theorie viel besser klingen, als sie es in der Praxis sind. Die Asse erweitern auf jeden Fall die Definition des Begriffs "Superkräfte". Einige der Fähigkeiten haben einen fast märchenhaften Touch oder erinnern an alte Mythen und Sagen, andere wirken, als habe sie sich ein Neunjähriger beim Spielen mit Actionfiguren ausgedacht und wieder anderen könnten durchaus direkt aus einem Marvel-Comic stammen.

Die Joker unterscheiden sich vor allem körperlich von normalen Menschen. Sie weisen Mutationen auf, die mitunter regionalbedingt sind. So gibt es in Ägypten die so genannten "Lebenden Götter". Dies sind Joker, die zum Beispiel Tierköpfe haben und daher sehr stark an die alten ägyptischen Gottheiten erinnern. Entsprechend werden sie von einigen Menschen verehrt, was im hauptsächlich muslimischen Ägypten für Unruhe sorgt und schließlich nach einem Attentat in Völkermord ausartet. Dieses Szenario ist trotz der starken Fantasiekomponente realistischer, als es uns lieb sein kann.

Die erste Hälfte von "Wild Cards: Das Spiel der Spiele" dreht sich um die Show "American Hero" und die 28 Kandidaten, die in vier Teams (Herz, Karo, Kreuz und Pik) aufgeteilt diverse Challenges meistern müssen. Das Team, das eine Challenge gewinnt, erhält Immunität, die anderen drei Gruppen müssen jeweils eines ihrer Teammitglieder rauswählen. Dies kommt einem natürlich sehr bekannt vor. "American Hero" vereint in sich "Big Brother", "Survivor", "The Apprentice" und weitere Reality-Spielshows und weist all die Phänomene auf, die diese Art der Unterhaltung kennzeichnen: die ständige Überwachung, das "Beichten" vor der Kamera, Intrigenspiele, mehr oder weniger echte Romanzen, der plötzliche Promi-Status und die Einflussnahme der Produzenten. Das alles mit Superkräften, die nicht immer so super sind.

Die zweite Hälfte wirft uns dann in ein völlig anderes Szenario: in einen Krieg. Der Bruch ist natürlich heftig, aber so gewollt. Uns wird die traurige und leider auch absolut wahre Absurdität vor Augen geführt, dass sich an einem Ende der Welt Menschen darum sorgen, dass ihr Lieblingsheld aus einer Fernsehshow rausgewählt werden könnte, während andernorts Menschen um ihr Leben rennen müssen, weil sie nicht der Norm entsprechen. Ausgerechnet die "Luschen" der Fernsehshow, jene, die zuerst geschasst wurden, weil sie nicht beliebt genug waren und nicht gut genug gespielt haben, oder jene, die von Anfang an nur hinter den Kulissen den Kaffee kochen durften, werden im Angesicht echter Herausforderungen zu wahren Helden. Viele Elemente der Ägyptenhandlung beinhalten Anspielungen auf die realen Schwierigkeiten des Westens, etwas gegen die Gewalt in anderen Teilen der Welt zu unternehmen.

Dass einem 17 Bände Vorgeschichte fehlen, macht sich schon in einigen Momenten bemerkbar, ist aber nicht so dramatisch, wie dies bei anderen Buchserien der Fall wäre. Die "Wild Cards"-Romane sind im Bereich der Anthologie anzusiedeln. Sie spielen alle in einem Handlungsuniversum, aber nicht alle im gleichen Umfeld oder zur gleichen Zeit. Einige der früheren Bände lassen sich auch eher als Kurzgeschichtensammlung denn als Roman bezeichnen.

Die Tatsache, dass die Kapitel von verschiedenen Autoren geschrieben sind und sich folglich stilistisch unterscheiden, mag auch nicht jedem gefallen, ich persönlich empfand diese Wechsel zu keiner Zeit als irgendwie irritierend. Von "Viele Köche verderben den Brei" kann hier keine Rede sein. Man merkt, dass alle beteiligten Autoren Profis sind.

Fazit

Der Roman "Wild Cards: Das Spiel der Spiele" ist nicht das, was er auf den ersten Blick zu sein scheint, aber bietet das, worauf es ankommt: gute, fantasievolle, durchdachte Unterhaltung. Ich werde Band 2/19 auch lesen.

Maret Hosemann - myFanbase
21.09.2015

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