Bewertung: 7
Spychalski, Patrycja

Auf eine wie dich habe ich lange gewartet

"Ich habe das Gefühl, wir beide wissen, dass wir jetzt nicht reden dürfen, sonst würde dieses zarte Etwas, das da zwischen uns ist, trotz des weichen Untergrunds in tausend Scherben zersplittern."

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Inhalt

Die 16-jährige Laura will nicht umziehen! Deshalb schaltet sie während der Autofahrt zum neunen Domizil vorerst auf stur. Die Eltern schnuppern bereits die ersehnte Landluft ein, Laura hingen wird vom Heimweh überwältigt. Sie vermisst die besten Freunde, das Großstadtgetriebe und die gewohnte Umgebung. Endlich angekommen, fühlt sie sich auch prompt bestätigt: Ein Bäcker, eine Pizzeria und ein Netto-Markt scheinen die Highlights der Kleinstadt zu sein. Laura denkt sofort an Flucht, bis sie von der Gastfreundschaft der Kleinstädter überrascht wird.

Da ist zum einen Enzo, der Laura gleich am ersten Tag mit seiner italienisch offenherzigen Art willkommen heißt und stets ein kribbelndes Gefühl in ihrer Magengegend auslöst. Dann ist da noch Mitschülerin Irina, die Lauras Welt gewaltig auf den Kopf stellt. Die Außenseiterin kennt nicht nur ein gutes Heilmittel gegen das Großstadtfieber, sondern kann auch verdammt gut küssen – wie Laura in einer alkoholreichen Nacht feststellen darf. Auf Folgeküsse folgt die Irritation und plötzlich steht das Wort "Lesbe" im Raum. Lauras Gefühle spielen verrückt. Denn ihre Gedanken kreisen um Irina und Enzo. Ist die Sache mit Irina nur eine Kussfreundschaft - oder doch mehr?

Kritik

Ein Großstadtmädchen zieht mit den Eltern aufs Land. Sie hat keine Lust auf das Dorfleben, wo jeder jeden kennt und die Jugendlichen vor dem Supermarkt chillen, weil das der coolste Treffpunkt überhaupt ist. Viel lieber wäre sie im trendigen Berlin bei den besten Freunden geblieben. Natürlich fasst sie dann doch Fuß, freundet sich mit einem Mädchen an, flirtet mit einem Jungen und plötzlich ist das Umzugsdrama keines mehr... Zugegeben, der aktuelle (und inzwischen fünfte) Jugendroman der deutsch-polnischen Autorin Patrycja Spychalski vermittelt auf den ersten Blick nicht unbedingt ein Gefühl von Auf diesen Roman habe ich lange gewartet – die Anfangsszenen spielen schließlich mit nur allzu klassischen Jugendbuchmotiven. Doch wer die Romane der Autorin kennt, weiß die Schokoladenseiten von Spychalskis authentischen wie atmosphärischen Geschichten zu schätzen, in denen die Protagonisten gleich nebenan wohnen könnten und das Happy End keine Garantie ist.

Die Romane von Patrycja Spychalski haben alle eines gemeinsam; die Geschichten und Figuren sind meist einfach und doch wesentlich gestrickt. Trotz mancher Klischees wird es nie kitschig. Und glaubt man am Anfang das Ende zu kennen, wird man eines besseren belehrt. Ohne groß um den heißen Brei zu reden wird der Leser mit allen Sinnen ins aktuelle Geschehen katapultiert. In diesem Fall heißt das: Die idyllische Landluft strömt durch die Buchseiten, während die irritierenden Küsse zwischen Irina und Laura unter der Haut kribbeln. Hat man nach wenigen Seiten den Ort des künftigen Geschehens erreicht, geht es nämlich bald um weit mehr, als "nur" um ein Mädchen, das sich in einer neuen Umgebung zurecht finden muss und dem Erwachsenwerden näher kommt.

Einfühlsam und zugleich direkt beschreibt Spychalski die unsicheren Gefühle zweier ungleicher Mädchen, die schlagartig nicht mehr wissen, ob sie hetero- oder homosexuell sind. Von Beginn an wird eine besondere Verbindung zwischen den Schulkameradinnen deutlich und es sind spürbare Gefühle im Spiel. Ob aus der Freundschaft mit intensiven Küssen aber eine Liebe mit allem was dazu gehört werden kann, ist eine Frage, die es zu erforschen gilt. Leicht wird es für Ich-Erzählerin Laura keineswegs. Sie sitzt buchstäblich zwischen zwei Stühlen. Die Freundschaft mit Irina UND Enzo, der am Anreisetag ebenfalls einen bleibenden Eindruck bei Laura hinterlässt, ist kompliziert. Dass sich Irina und Enzo nicht unbedingt grün miteinander sind, ist kein Gewinn für die wohlbehütete Großstadtpflanze im Kleinstadtchaos. Beide machen Laura das Landleben schmackhaft, die merklich präsente Geringschätzung dem anderen gegenüber bringt sie aber gleichzeitig in unangenehme Situationen. Überdies wird Laura durch Irinas Außenseiterstatus (freiwillig) mit ins Klassenabseits gedrängt, was zu gravierenden Konsequenzen führt. So finden Themen wie Selbstfindung, Ausgrenzung und sexuelle Orientierung eine bedeutsame und in die Handlung glaubhaft integrierte Daseinsberechtigung.

Laura ist unterdessen ein Mädchen mit Identifikationspotential. Natürlich lässt sie zunächst die trotzige Tochter raushängen, die den Eltern ein schlechtes Gewissen einzureden versucht, weil der Umzug ihr mehr als nur ein Opfer abverlangt. Sie vermisst die beste Freundin, das Rattern der S-Bahn und einfach das alte Zuhause. Dagegen kommt das Landleben selbstverständlich nicht an! Wetten sollte man darauf aber nicht, immerhin kennt man dieses Jugendbuchklischee zu gut und weiß zumindest in dieser Hinsicht, in welche Richtung der Hase läuft. Dennoch trifft die Autorin einen angenehmen Ton, der zwischen Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit balanciert und ihren Konflikt schlussendlich authentisch zum Ausdruck bringt.

Nach und nach entdeckt man mit Laura die Vor- und Nachteile des Landlebens und trifft auf liebevoll gezeichnete Charaktere, wie etwa Enzos italienische Familie, die Laura sofort mit offenen Armen empfängt. Nichtsdestotrotz könnte es dem Leser zuweilen wie Laura ergehen, die am liebsten die Arme ausbreiten und die Gänse auf dem Feld aufscheuchen möchte. Denn bei manchen Figuren könnten die Federn ruhig ein bisschen tiefer unter der Haut kitzeln, zum Beispiel bei Irina und ihrer zur Depression neigenden Mutter. Die schwierige Beziehung zwischen Mutter und Tochter erklärt Irinas teils streitbaren Charakter, man bekommt diese allerdings nur ansatzweise zu fassen. Dafür ist das Ende, das frei wie ein Vogel über die letzten Seiten schwebt, als gelungen zu bezeichnen. Der zentrale Konflikt zwischen Laura, Irina und Enzo findet zu einem guten Abschluss. Die unaufgeregte Art der Problemlösung macht die Sache am Ende vielleicht nicht ganz rund, die letzte Szene hinterlässt aber durchaus ein Gefühl von Auf diesen Moment habe ich gerne gewartet.

Fazit

Zwei Mädchen, ein Junge und die Frage: Wer hat hier eigentlich auf wen gewartet? In Patrycja Spychalskis fünftem Jugendroman hinterlassen nicht nur die intensiven Küssen eine besondere Geschmacksnote. Die Landluft strömt förmlich durch die Buchseiten, während man gemeinsam mit Ich-Erzählerin Laura die Vor- und Nachteile des Kleinstadtlebens ergründet. Schnell vergessen ist der klassische Jugendbucheinstig um eine Großstadtpflanze im Kleinstadtchaos, wenn das authentische Gefühlsdreieck um Laura, Irina und Enzo zum schnellen Seitenumblättern einlädt. Eine empfehlenswerte Coming-of-Age-Geschichte mit kleinen – aber akzeptablen – Schwächen.

Doreen B. - myFanbase
03.08.2015

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