Bewertung: 7
Keegan, Marina

Das Gegenteil von Einsamkeit

"Wir dürfen nicht vergessen, dass uns immer noch alles offensteht. Wir können es uns anders überlegen. Von vorn anfangen. […] Wir sind so jung. Wir können, wir dürfen dieses Gefühl der Möglichkeiten nicht verlieren, denn letztlich ist es alles, was wir haben."

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Inhalt

Die Geschichte um die Publikation von Marina Keegans ersten und letztem Werk ist leider auch die tragische Geschichte ihres frühen Ablebens: Die 22jährige Autorin, frisch gebackene Yale-Absolventin und mit einem Job beim New Yorker in der Tasche, starb fünf Tage nach der Graduationsfeier bei einem Autounfall. Ihre Eltern und ihre Professorin stellten dieses posthum veröffentlichte Buch zusammen, das neun Kurzgeschichten und acht Essays von Keegan beinhaltet, außerdem ihre Abschlussrede, die dem Ganzen den Titel gibt: "Wir haben kein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit, aber wenn es eins gäbe, könnte ich sagen, genau das will ich im Leben."

Die neun Geschichten behandeln zwar unterschiedliche Thematiken, seien es Tod, Krieg oder Adoption, berichten aber alle von zwischenmenschlichen Beziehungen und Zukunftsangst. Ihre einfühlsam gezeichneten Charaktere sind, dem Titel des Buches zum Trotz, geprägt von einer undurchdringbaren Einsamkeit.

In ihren Essays schildert Marina Keegan ihr eigenes Leben, ihren Freundeskreis, Yale und persönliche Gedanken zum Zustand der Welt.

Kritik

Keegan war Anfang zwanzig, als sie ihre Texte verfasste, und das merkt man diesen auch an. Aber das stört nicht weiter. Um ihre Professorin aus dem Vorwort zu zitieren: "Viele meiner Studenten klingen wie Vierzigjährige. […] ihre Stimmen sind gedämpft von dem Wunsch, ihr aktuelles Alter und ihre eigenen Erfahrungen zu überspringen […]. Marina war einundzwanzig und klang wie einundzwanzig: eine gescheite Einundzwanzigjährige […]." Keegans Stil ist mitunter naiv, lässt aber viel Potential erkennen.

Wenn talentierte Menschen überraschend sterben, schockiert nicht nur ihr Tod, sondern lässt auch die Frage offen, was der Künstler noch hätte erschaffen können. Marina Keegan hatte ihre eigene Stimme entdeckt, die kraftvoll und ehrlich war und zugleich noch Entwicklungsspielraum barg. Was hätte aus ihr werden können? Wir werden es nie wissen.

Zurück bleibt dieses Buch. Die Kurzgeschichten sind von unterschiedlicher Qualität und Glaubwürdigkeit, einige wie "Sklerotherapie", das von der Tattoosünde einer alten Frau erzählt, recht nichtssagend. Andere Kurzgeschichten wie "Kalte Idylle", über den Tod eines Nahestehenden, "Winterferien", über die im eigenen Leben verlorene Eltern, oder "Challengertief", über das Gefühl klaustrophobischer Einsamkeit abgeschlossen von der Außenwelt, überzeugen durch kreative Einfälle und die ungeschliffene sprachliche Wucht. Sie zeigen außerdem, dass die junge Autorin das Talent besaß, sich in viele verschiedene Charaktere einzufühlen. Dass ihre Geschichten nicht immer ausgereift sind, ist an Klischees wie dem obligatorischen schwulen Freund oder den ewig kreisenden Joints zu erkennen. Es ist aber auch zu vermuten, dass Keegan ihre Texte vor einer Publikation nochmal überarbeitet hätte.

Auch wenn sie stilistisch wie besagte Einundzwanzigjährige klingt, so erweist sich Keegan in dem jungen Alter schon als Meisterin des letzten Satzes, der ihren Geschichten ungeahnte Tiefe verleiht.

Ihr wahres Talent entfaltet sich aber in den Essays, nicht in den Kurzgeschichten. Marina Keegan besaß eine genaue Beobachtungsgabe und die Begabung, diese Beobachtungen zu Papier zu bringen – witzig, aber auch ein wenig melancholisch. Besonders zwei Essays sind erwähnenswert: In "Sogar Artischocken haben Zweifel" fragt sich die Absolventin, warum so viele ihrer Kommilitonen lieber seelenlose Berufe ausüben, anstatt mit dem Idealismus junger Jahre noch zu hoffen, die Welt verbessern zu können. Der brillanteste Text des Buches ist aber "Warum wir uns um Wale kümmern", in dem Keegan darüber nachdenkt, warum Menschen, die sich stundenlang aufopferungsvoll um gestrandete Wale kümmern, danach aber ungeachtet an Obdachlosen vorbeieilen, die man ebenfalls gestrandet erachten könnte.

Fazit

Es ist nahezu unmöglich, das Werk zu lesen, ohne das Schicksal der Autorin im Hinterkopf zu haben. Das verleiht den zahlreichen Stellen, in denen sie über die Zukunft oder die eigene Sterblichkeit sinniert, eine Bedeutung, die von Keegan gar nicht so beabsichtigt waren. Der durchschlagende Erfolg, den ihr Buch hatte, mag mit dieser morbiden Mystifizierung zusammenhängen. Leider macht auch der S. Fischer-Verlag damit Werbung: Auf dem Klappentext stehen die Umstände ihres Todes, und nicht der Inhalt des Buches an erster Stelle.

Bei der Lektüre von "Das Gegenteil von Einsamkeit" darf man nicht vergessen, dass es sich um einen sehr jungen Menschen handelt, der spricht. Wer das beachtet, kann über einige stilistische oder dramaturgische Schnitzer leicht hinwegsehen. Keegan behandelt die Themen, die für Menschen in ihrem Alter relevant sind: Liebe, Tod, Sex, Einsamkeit und die Angst vor der Zukunft. Dadurch hat sie Geschichten geschaffen, die zu ihren jungen Lesern sprechen.

Isabella Caldart - myFanbase
12.04.2015

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