Bewertung: 8
Ferris, Joshua

Wir waren unsterblich

"Ein phantastisches Debüt... Furchtbar komisch, furchtbar und komisch"
Nick Hornby über "Wir waren unsterblich"

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© Rowohlt Verlag

Inhalt

Eine Werbeagentur am Ende der 90er Jahre in Chicago: Top Lage mit Blick auf den Lake Michigan, Gratisbagels zum Frühstück, frische Blumen in der Kantine und Kaffeepausen werden grundsätzlich den Kunden berechnet. Die kreativen Köpfe der Agentur genießen ihr Leben, machen sich lustig über Kollegen, legen eine Arroganz an den Tag, die sämtliche Neurosen und Depressionen in den Hintergrund treten lässt, und lästern, was das Zeug hält. Dann, zu Beginn des neuen Jahrtausends, bröckelt die Fassade der heilen Welt: die Bagels und die Blumen verschwinden und mit ihnen auch die ersten Kollegen. Die Luft wird dünn im Großraumbüro, jeder könnte der nächste sein. Doch eigentlich gibt es doch viel wichtigere Probleme im Leben als die Angst um den Arbeitsplatz, oder?

Kritik

Joshua Ferris liefert einen Roman, der anfangs etwas eigenartig zu lesen ist, da er – bis auf eine kleine Ausnahme – in der "Wir" Form gehalten ist. Ferris begründet seine Wahl damit, dass es in de Werbung ständig um ein Gefühl für Gemeinschaft geht, das den Kunden vermittelt werden soll.

Und so erzählt er uns von der tollen Zeit des Internetbooms, von der Faszination eines neuen Marktes ohne Grenzen, von wohlklingenden, futuristischen Ideen und Erfolgen auf der ganzen Linie. Bis eines Tages die Internetblase platzte und die ersten Kollegen ihre Kündigung erhalten. Ab jetzt versucht jeder mit Spott und Lästereien darüber hinweg zu täuschen, dass auch er in der Angst lebt, jeder Zeit der nächste sein zu können. Arbeit ist schließlich das halbe Leben und definiert heutzutage stark, wer wir sind.

Wer dabei erwartet, eine spannende, zusammenhängende Geschichte lesen zu können, ist bei diesem Buch eindeutig falsch. Ferris zeigt uns viele kleine Geschichten, Einzelschicksale, von Menschen, die damals Teil des Booms waren. Über einige kann man lachen, andere sind deprimierend. Eines aber haben die Geschichten gemeinsam: sie sind aus dem Leben gegriffen. Man arbeitete an spannenden Projekten, machte Schlagzeilen und hatte einen aufregenden Job am Puls der Zeit war. Doch als der Zenit überschritten war, schafften es nur Wenige, die Hürden zu nehmen. Viele Internetpioniere blieben jedoch auf der Strecke, viele Firmen gingen pleite. Ferris gelingt es, eine Mischung aus Hoffnung, Ehrgeiz und Hochmut zu präsentieren, die ehrlich erscheint und niemals gekünstelt wirkt.

Das Buch ist eine Sammlung vieler kleiner Geschichten voller Eigenarten, die komisch und tragisch zugleich sind, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben und doch irgendwie auf das gleiche hinauslaufen. Auf jeden Fall schafft Ferris es gekonnt, dem Leser den Hype der New Economy näher zu bringen. Man kann sich gut vorstellen, was in den Menschen vorgehen musste, als dieser langsam in sich zusammen fiel.

Fazit

Eine etwas andere Lektüre, die zunächst als nicht ganz ernst zu nehmende Bürosatire beginnt, dann jedoch tiefgründig und ernst wird. Unbedingt empfehlenswert, nicht nur für Büroangestellte!

Melanie Brandt - myFanbase
05.08.2007

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