Bewertung: 7
Benh Zeitlin

Beasts of the Southern Wild

"I see that I am a little piece of a big, big universe, and that makes it right."

Foto: Copyright: MFA + FilmDistribution e.K.
© MFA + FilmDistribution e.K.

Inhalt

Die von der weiteren Zivilisation abgeschnittenen Sumpfgebiete Louisianas, von deren Einwohnern "Bathtub" genannt, sind das Zuhause des sechsjährigen Mädchens Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) und ihrem aufbrausenden und schwer kranken Vater Wink (Dwight Henry). Das Weltbild des fantasievollen Mädchens, dass die Natur sich im absoluten Gleichgewicht mit dem Rest des Universums befindet, gerät ins Wanken, als ein Sturm ihre Heimat schwer verwüstet. In Erwartung der Ankunft prähistorischer Kreaturen und dem unbändigen Willen, ihrem Vater zu helfen sowie ihre heile Welt wiederherzustellen, muss sie lernen, ohne fremde Hilfe zu überleben.

Kritik

"Jetzt werd doch erwachsen
Bevor dein Leben richtig beginnt
Die Verschwendung deiner viel zu kurzen Lebensdauer
Das ist der Tod deiner Kindheit
Das ist der Tod deiner Verspieltheit
Und deiner Fähigkeit zu lieben
"

Wenige Textzeilen geben das Gefühl, das man nach Sichtung von "Beasts of the Southern Wild" verspürt, besser wieder wie jene aus dem Song "Nach 7 Jahren immer noch erwaxen" der seit fast einem Jahrzehnt aufgelösten Crust-/Hardcore-Band Angstzustand. Bekannt für ihre düsteren sozialkritischen Texte, haben sie in jenem Lied thematisiert, wie von einem jeden Einzelnen durch sein Umfeld schlichtweg erwartet wird, dass man erwachsen, ernst, angepasst und für die Gesellschaft und Wirtschaft funktionsfähig wird. Mit dem Imperativ "Werde erwachsen!" ist daher auch immer die Aufforderung verbunden, nicht mehr so kindisch (man achte auf die inhärente negative Konnotation durch das Suffix -isch statt -lich) und naiv zu sein und endlich seinen Beitrag zu leisten in einer Welt, der man offensichtlich unmittelbar nach der eigenen Geburt bereits etwas schuldig ist. Da ist es wenig verwunderlich, dass so mancher dieser von ihm erwarteten Entwicklung nicht nachkommen kann oder teils auch überhaupt nicht will.

Das Debüt von Regisseur Benh Zeitlin, der Lucy Alibars Theaterstück gemeinsam mit ihr für die große Leinwand adaptierte, versprüht auch deswegen einen derart großen Charme, weil es das Publikum in eine Zeit versetzt, in der es all das, was um es herum geschieht, mit ungetrübtem und abenteuerlustigem Blick wahrnimmt und eben noch nicht "erwachsen" sein musste. Zeitlin gelingt dabei der Drahtseilakt, die Geschichte im Grunde voll und ganz aus dem Blickwinkel eines sechsjährigen Mädchens zu erzählen, sodass ihr Handeln und ihre Wertvorstellung transparent wird, und gleichzeitig trotzdem nicht lächerlich, unvorstellbar oder verwirrend wirkt. In zahlreichen anderen Filmen wird zu wenig Zeit dafür aufgewendet, den Blickwinkel des Kindes ausreichend zu kontextualisieren. Zeitlin macht diesen Fehler nicht, sondern sorgt mit wohlportionierten Voiceovern der Hauptfigur und der alleinigen Konzentration auf sie dafür, dass man ihre Motivation nachvollziehen kann.

Sicherlich, die Sichtweise eines Mädchens aus armen Verhältnissen, das trotz all der widrigen Umstände (ein cholerischer und schwer kranker Vater, eine Mutter, die sie früh verließ und ein Heim, das vor der Zerstörung steht) immer noch praktisch alle positiven Eigenschaften aufweist, die man einem Kind zuschreibt, und gleichzeitig heroisch ihren Weg geht, ist teils schon arg manipulativ und klischeebeladen. Ebenso sind die magischen Elemente des Films, wie die urzeitlichen Auerochsen, offensichtlich und weder subtil noch sonderlich metaphorisch. Doch das Publikum versinkt trotz so mancher schleppender Passagen viel zu schnell in dieser tollen neuen Welt als dass es dies bemerken würde, wodurch Kritikpunkte dieser Art nicht wirklich ins Gewicht fallen.

Zudem hinterlässt die furchtlose Leistung von Hauptdarstellerin Quvenzhané Wallis, gerade einmal fünf Jahre alt, als sie gecastet wurde und sieben, als der Film fertiggestellt wurde, bleibenden Eindruck. Kein Wunder, dass sie mit nun neun Jahren kurzerhand zur jüngsten Oscarnominierten aller Zeiten wurde. Denn auch wenn es sicherlich bessere schauspielerische Taten im Filmjahr 2012 gab und ihre Nominierung den faden Beigeschmack hat, dass die Academy hier sehr taktierend vorgegangen ist, um dem amerikanischen Traum eine abermalige Neuauflage zu verpassen, ist die bis dahin völlig schauspielunerfahrene Wallis ein Naturtalent par excellence. Ihr gelingt es, Hushpuppys Ansinnen, aus einer komplexen Welt ihre eigene und so simpel anmutende Interpretation derselbigen zu machen, mit Leben zu erfüllen und ihre bewundernswerte Bestimmtheit bei diesem Unterfangen für alle greifbar zu machen. Selbst die schwierige Beziehung zu ihrem Vater wird durch ihr furchtloses Agieren in Grautönen gezeichnet und nicht in Schwarz-Weiss, das ihn als untaugliches Vorbild damönisiert. So bleibt am Ende bezüglich Wallis vor allem eine Erkenntnis: Ohne sie hätte der Film in dieser Form wohl schlichtweg nicht funktioniert.

Fazit

Es gibt sie noch, die Filme, die einem die kindliche Vorstellungskraft, die praktisch allen Erwachsenen abhanden gekommen ist, näher bringt und zeigt, wie magisch diese Welt sein kann, wenn man sie aus einem anderen, aus einem neuen Blickwinkel betrachtet. Trotz so manchem durchaus manipulativem Klischee, das bemüht wird, tut "Beasts of the Southern Wild" genau das, was ein guter Film tun soll - er versetzt den Zuschauer auf eine eineinhalbstündige traumhafte Reise, nach der man unweigerlich zu dem Schluss kommt, dass sie sich gelohnt hat.

Andreas K. - myFanbase
02.02.2013

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