Bewertung

Review: #1.12 Der Kodex-Bruch

Foto: Teen Wolf - Copyright: Dewey Nicks/MTV
Teen Wolf
© Dewey Nicks/MTV

Ein irrsinniges, gelungenes, spannendes Staffelfinale mit viel Action, großartigem Teamwork und überraschenden Allianzen. Einige Mysterien wurden geklärt, aber auch viele neue Fragen aufgeworfen, genauso wie sich das für eine ordentliche Mysteryserie gehört. Wir müssen uns von zwei tollen Antagonisten verabschieden, die für richtig viel Schwung gesorgt haben, und bekommen Cliffhanger für Cliffhanger präsentiert, während wir hinsichtlich der Romantik aber wenigstens durchatmen dürfen.

Schockzustand

"Teen Wolf" stiehlt sich nicht aus der Verantwortung, sondern setzt im selben Moment an, in dem uns die vergangene Episode zurückgelassen hat. Allisons schockierte Augen schauen in Scotts Wolfsgesicht und Scotts gelbe Wolfsaugen schauen mit einem Ausdruck von Bedauern, Ertapptsein und schlechtem Gewissen zurück. Dieser Moment lässt das Herz des Zuschauers verkrampfen und man wird in diesem kalten Griff gehalten, da man nun erstmal Zeuge wird, wie diese Teenager der Ohnmacht nahe durch ihren Schockzustand stolpern. Der Effekt wird dadurch verstärkt, dass man nichts mehr von den normalen Geräuschen um die Figuren herum hört und sich somit mit in Allisons und Scotts Trance befindet. Allison wird dabei von ihrem Vater aufgefangen, Scott aber muss fliehen und bricht schluchzend im Wald zusammen. Anschließend macht er etwas sehr Kindliches, was für einen Teenager aber einfach nur realitätsnah und liebenswert ist. Er verkriecht sich in einer Ecke der Tierarztpraxis, umarmt seine Knie und suhlt sich in Selbstmitleid, während er in Gedanken nochmal den wunderschönen "I love you"-Moment wieder aufleben lässt, der erst ein oder zwei Stunden zurückliegt. Dieser Moment ist sicherlich nicht Scotts Sternstunde, aber einfach so menschlich, dass er sicher für jeden Zuschauer nachvollziehbar ist. Und immerhin schöpft er wie immer durch seine Gedanken an Allison genügend Kraft, um zur Ruhe und auf neue Ideen zu kommen.

Allison hingegen wird immer mehr zur unsicheren Komponente. Sie ist so erschüttert und verletzlich, dass die brüske Härte, mit der ihre Mutter ihr begegnet, sie vollkommen haltlos zurücklässt. Wir haben noch nicht allzu viel von Victoria Argent gesehen, aber man kann nach diesem Finale sicher zweifelsfrei sagen, dass sie die unmütterlichste Mutter der aktuellen Serienwelt ist. Sie herrscht ihre traumatisierte Tochter an, bleibt auf Abstand wie eine Fremde und ihr säuerliches Lächeln wirkt maskenhaft und falsch. Chris Argent ist sicherlich auch kein Anwärter zum Vater des Jahres, aber ihm sieht man seine liebevolle Verbundenheit zu seiner Tochter und sein Bedauern darüber, was sie durchmachen muss, wenigstens klar und deutlich an. Man fragt sich wirklich, wie Victoria und Chris Argent zusammengefunden haben. Besonders liebevoll wirkt auch ihr Umgang miteinander nicht.

Allison jedenfalls versucht auch, sich in ihre Erinnerungen an die schönen Momente des Winterballs zu flüchten, aber ihre Tante weiß, welche Knöpfe sie drücken muss, und schubst sie schön in Richtung Fatalismus. Die beste Freundin verletzt und blutverschmiert im Krankenhaus zu sehen, gibt Allison in dieser beängstigenden Situation schließlich den letzten Rest und da ist es kein Wunder, dass sie sich an den einzigen Menschen hält, der ihr sagt, wo's langgeht – ihre übergeschnappte Tante Kate, die sich nach eigener Aussage für den Starplayer im Kampf gegen die Werwölfe hält.

Auch in einem Schockzustand befindet sich Jackson, der nach Peter Hales Befehl auf Stiles' Anruf hin die verletzte Lydia vom Fußballfeld trägt und nach Hilfe ruft. Sie wird ins Krankenhaus gebracht und Jackson wirkt dabei mehr als besorgt. Seine wohlpolierte Arschlochhaltung, mit der er Lydia kürzlich erst abserviert hat, bröckelt hier ganz gewaltig. Es schien zwar schon vorher immer wieder mal hindurch, dass in ihm ein unsicheres, kleines Kind steckt, das sich immer und immer wieder zurückgesetzt fühlt, aber hier wird der Wechsel zwischen seinem besorgten Stammeln und dem Hochfahren seines Arroganz-Schutzschildes mehrmals innerhalb einer einzigen Szene sehr deutlich gezeigt. Colton Haynes ist ein echter Scene Stealer, was das angeht.

"Do you want the bite?"

Stiles ist derjenige, der in die meisten Handlungsstränge in diesem Staffelfinale involviert ist. Er ist im Laufe dieser ersten Staffel nicht nur zum unerwarteten Helden der Serie avanciert, sein Darsteller Dylan O'Brien ist auch der heimliche Star. Er ist alles andere als ein erfahrener Schauspieler, aber er hat ein Naturtalent, das seinesgleichen sucht. Stiles jedenfalls wird von Peter verschleppt und dazu gezwungen, Scott und Derek ausfindig zu machen, da Peter die beiden als sein Rudel braucht, um seine Rache an den Argents zum Ende zu bringen. Dabei liefern sich der zynische Alphawerwolf und der schlagfertige Teenager einige Wortgefechte, die die angespannte Stimmung für den Zuschauer ungemein auflockern, während Stiles sich allerdings dem Ernst der Lage absolut bewusst ist. Das Leben seines besten Freundes steht auf dem Spiel und ebenso das der großen Liebe seines besten Freundes. Beides ist für Stiles Grund genug, keinerlei Risiken einzugehen.

Die gemeinsame Szene im Parkhaus von Peter und Stiles bringt gleichwohl den witzigsten Moment der Episode wie auch den Dreh- und Angelpunkt in der Entwicklung des Charakters Stiles. Zunächst mal kann Peter nicht fassen, dass er sich ein Rudelmitglied ausgesucht hat, das vor lauter Liebe anscheinend komplett den Verstand verloren hat: "His username is 'Allison'? His password is also 'Allison'?" - "You still want him in your pack?" Und dann erhalten wir eine Antwort auf die Frage, die seit Beginn der Serie im Raum stand: Wieso Scott? Peter plaudert hier ein wenig aus dem Nähkästchen, indem er Stiles wissen lässt, dass er Scott damals nur per Zufall ausgewählt hat, weil er sich ein Rudel aufbauen wollte. Es hätte genauso gut Stiles treffen können, und da Peter Gefallen an dem aufgeweckten Teenager gefunden hat, bietet er ihm als 'Belohnung' an, ihn auch zu beißen. Klar, er könne dabei sterben, aber wer nimmt dieses Risiko nicht gerne auf sich, um dadurch stärker und populärer bei den Mädels zu werden? Und in diesem Moment hält man den Atem an. Diverse Momente, in denen Stiles unfroh darüber war, neben Scotts Batman nun immer der Robin zu sein, ziehen vor dem inneren Auge vorbei – aber Stiles lehnt ab! Er will bleiben, wie er ist, und das ist gut so! Selbst wenn Peter ihm vorwirft, nicht zu wissen, was er wirklich will, so hat Stiles genügend Selbstvertrauen, der Verlockung zu widerstehen. Er ist also nicht nur jetzt der menschliche Anker für den Zuschauer, er bleibt es auch! Zudem funktioniert diese Entwicklung sehr gut als Botschaft, Gruppenzwang nicht nachzugeben, wenn man es nicht für richtig hält, was mit einem geschehen soll.

Showdown

Von Peter entlassen, stolpert Stiles als nächstes seinem Vater in die Arme, dann Jackson und zuletzt Chris Argent, den er durch ein paar gut platzierte Bemerkungen dazu motiviert, die Scheuklappen in Bezug auf das Verhalten seiner Schwester Kate abzulegen. Chris sieht ziemlich schnell ein, dass die Brandstiftung im Hause der Hales auf Kates Konto geht und diese damit den Kodex verraten hat, nach dem die Argents in aller Strenge leben. So also machen sich nicht nur Stiles und Jackson – in Jacksons Porsche – auf den Weg zum Hale-Haus, sondern auch Chris Argent.

Scott hat mit erstaunlicher Kombinationsgabe inzwischen Derek befreit und den nach zweieinhalb Episoden der Folter verständlicherweise jähzornigen Beta darüber hinaus dazu gebracht, ihm im Kampf gegen den Alpha beizustehen. Überaus witzig an dieser Stelle war, dass Derek plötzlich in der Lage war, seine Eisenhandschelle selber zu zerbrechen. Dies wurde zwar mit seiner Wut über Scotts Theorie erklärt, dass sein Onkel Laura absichtlich angelockt und getötet hatte, um selbst ein Alpha zu werden, anstatt dass der Mord an ihr ein Unfall gewesen wäre, wie Peter behauptet hatte. Aber soll das wirklich bedeuten, dass Kate mit ihrer physischen wie psychischen Folter Derek nicht genügend zur Weißglut getrieben hatte?

Derek und Scott kommen auf ihrer Flucht jedenfalls nicht weit, denn Kate hat Allison zum Hale-Haus gebracht und lässt sie Pfeile auf Derek abschießen und ebenso Scott bedrohen. Der Aufmarsch der Rächerinnen ist ungeheuer cool inszeniert und verleiht beiden eine tolle Verruchtheit, wobei Kate eine knallharte Badass-Attitüde an den Tag legt, während Allison seltsam unecht wirkt, so als sei sie Kates Marionette. Chris ist es jedenfalls, der Kate rechtzeitig davon abhält, Scott umzubringen, indem er sie an den Kodex erinnert: "We hunt those who hunt us!" Es dürfen keine unschuldigen Werwölfe getötet werden. Dass für Chris dieser Kodex über allem steht, sogar über dem Leben seiner eigenen Schwester, ist überaus interessant. So skrupellos, wie er zu Anfang dargestellt wurde, hätte man sich ihn durchaus auch irgendwann als Antagonisten vorstellen können. Neben den beiden Hale-Frauen, seiner Frau und seiner Schwester, wirkt er aber nun vielmehr wie der einzige Argent mit Herz und Vernunft.

Schließlich aber wechseln noch einmal die Seiten, als alle bisherigen Anwesenden es mit dem Alpha zu tun bekommen, der mit Leichtigkeit die Situation unter Kontrolle bringt. Bevor er Kate tötet, rekapituliert er nochmal, was diese ihm angetan hat: "Say that you're sorry for decimating my family, for leaving me burn and broken for six years", und man kann in diesem Moment mehr oder weniger mit seinem Vergeltungswahn mitfühlen – bis er sich dann auf Allison stürzt. Derek und Scott stellen sich ihm todesmutig in den Weg, aber mit seiner Übermacht hat er sie bald besiegt. Man fragt sich hier fast, wozu er die beiden unbedingt auf seiner Seite haben wollte, aber letztlich kann man es weise Voraussicht nennen, denn die beiden Betas stehen nun einmal nicht alleine da, und das Teamwork, das in diesem Moment folgt, ist einfach phantastisch inszeniert: Scott verwirrt den Alpha, Stiles (mittlerweile mit Jackson aufgetaucht) bewirft ihn mit einem von Lydias Molotowcocktails, Scott wirft Allison den Bogen zu, Allison schießt einen Leuchtpfeil auf die Feuerbombe, Jackson wirft den zweiten Molotowcocktail und der Alpha geht in Flammen auf. Bevor er sich in diesem Zustand jedoch auf Allison stürzen kann, tritt Scott ihn weg und er verbrennt. Großartig gemacht! Und man kann nicht gerade behaupten, dass "Teen Wolf" sanft mit seinen Monstern umgeht. Peter verbrennen zu lassen, ist angesichts seiner Vorgeschichte wohl die grausamste Art, sich seiner zu entledigen.

Klar, dass der romantische Höhepunkt nach diesem Sieg nicht lange auf sich warten lässt und die Star-crossed Lovers wieder zueinander finden. Viele unter uns werden sich an die Szene erinnert gefühlt haben, als Buffy Angel zum ersten Mal mit seinem Vampirgesicht küsst – mindestens genauso schön und ergreifend war der Moment, als Allison Scott mit seinem Wolfsgesicht küsst und er sich dabei (im Bild!) wieder in seine normale Form zurückverwandelt.

Cliffhanger

Am Boden liegt nun nur noch Peters menschliche Form und atmet schwer. Und nun kommt der Moment, der gut als Cliffhanger hätte stehenbleiben können: Derek hört und sieht Scott nicht, der wegen seiner Heilungschance durch den Alpha auf ihn einredet, er reißt Peter kurz entschlossen die Kehle raus und verkündet mit rotglühenden Augen: "I am the alpha now!" Wie cool war dieser Moment? Was für ein Alpha wird Derek werden? Er wird wohl kaum so blutrünstig werden wie sein Onkel, aber nach Peters Verrat, Kates Folter, Allisons Pfeilen und Scotts zögerlichem Verhalten bei seiner Befreiung steht Derek einsamer und verbitterter da denn je. Und einen kleinen Vorgeschmack, wo das hinführen könnte, bietet sogleich der zweite Cliffhanger, den die Folge liefert: Jackson, das große Kind, kommt beinahe schon trotzig jammernd, aber dennoch sehr entschlossen zu Derek und fordert seine Belohnung ein. Er will endlich wieder der Beste, Stärkste und Größte sein! Oh Jackson, man weiß nie, ob man dich verachten oder doch lieber beschützen will. Dereks groteskes Grinsen jedenfalls, als er mit seinen Reißzähnen auf Jackson losgeht, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren!

Auch die Argents liefern uns einen Cliffhanger. Um die aufgeheizten Gemüter der Stadt zu beruhigen, haben sie kurzfristig Kate die Verantwortung für all die Morde zugeschoben. Aber Mama Argent kündigt an, dass irgendjemand auf dem Weg sei, der sich der Angelegenheit annehmen werde, und Papa Argent fügt kryptisch hinzu, dass er nun nicht mehr das einzige Problem sei, das Scott habe. Während wir Scott also so glücklich mit Allison vereint auf dem Dach sitzen sehen, müssen wir schon wieder Angst um diese junge Liebe haben! Und schließlich ist da noch das Mysterium um Lydia, die Peters Biss zwar überlebt hat, sich aber nicht in einen Werwolf verwandelt. Was hat das zu bedeuten? Ist sie in irgendeiner Form immun? Kann sie damit irgendwie helfen, Scotts Wunsch nach Heilung zu erfüllen?

Fazit

"Teen Wolf" macht sehr sehr viel richtig! Die Teenager dürfen auch mal überfordert sein, der Held steht nicht alleine da, sondern funktioniert am Besten in Zusammenarbeit mit seinen Freunden. Freundschaft dient nicht nur als Druckmittel für Antagonisten, sondern wird wirklich ausgelebt, so dass man auch richtig Freude und Spaß beim Zuschauen hat und nicht nur in einen düsteren Strudel aus übernatürlichen Ereignissen gezogen wird. Auch das Staffelfinale hat in dieser Hinsicht nicht enttäuscht und auf ganzer Linie phantastische Unterhaltung geboten. Und selbst wenn es ausgesprochen schwer fällt, zwei so gute Antagonisten wie Peter Hale und Kate Argent gehen zu lassen, so ist die Spannung und Vorfreude auf die in den Cliffhangern angedeutete Richtung der zweiten Staffel riesig. Wer wegen des Weiterschauens noch unschlüssig ist, dem sei gesagt: Es wird nur noch besser!

Nicole Oebel - myFanbase

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