Bewertung: 7

Review: #3.05 Einzelkind

Foto: Zosia Mamet & Jemima Kirke, Girls - Copyright: 2014 Home Box Office, Inc. All rights reserved.
Zosia Mamet & Jemima Kirke, Girls
© 2014 Home Box Office, Inc. All rights reserved.

Hannahs Ego-Trip wegen ihres Buches geht auch in dieser Episode weiter und nimmt erneut erschreckende Abgründe an, während Ray und Marnie sich näher kommen.

"Do you happen to know another publisher that I can maybe slip the manuscript to if I do decide that I want to try to keep it alive?" – "Okay... if I do give you another name, will you get the fuck out of here?!"

Das Zitat ist selbstsprechend für Hannahs weiterhin furchtbares Verhalten, von dem nach der letzten Episode nicht mehr denkbar war, dass es noch tiefere Dimensionen in Sachen Egoismus annehmen könnte. Falsch gedacht: Es kann, sie kann. Auf der Beerdigung von David erfährt sie von seiner Frau (und ja, wir alle sind genauso erstaunt darüber wie Hannah, dass David nicht schwul war), dass alle Projekte, die David gemanagt hat, fallengelassen wurden - also auch Hannahs E-Book. Und da Hannah nun einmal ist, wie sie ist, belästigt sie Davids Frau, die sie soeben erst kennengelernt hat, auf der Beerdigung ihres Ehemanns damit, was denn aus ihrem Buch jetzt würde. Lena Dunham sagt zwar, dass sie keine "likeable characters", sondern realistische kreieren wolle, aber die Diskrepanz zwischen "not likeable" und Hannah ist im Laufe der Serie echt enorm geworden. Früher konnte man ihr die Ich-Bezogenheit noch verzeihen, da viele Menschen so sind und ein gesunder Egoismus auch nicht unbedingt schadet. Aber spätestens mit der vorhergehenden und dieser Folge hat sich Hannah zu einem solchen Kotzbrocken entwickelt, dass ich mir kaum vorstellen kann, sie jemals wieder sympathisch zu finden.

Aber es gibt ja zurzeit noch eine Person, die Hannah in Sachen "dem Zuschauer den letzten Nerv rauben" sogar übertrumpft: Adams Schwester Caroline. Und da schafft es Hannah ausnahmsweise einmal, die Erwachsenere zu sein, und versucht, die beiden zu einer Aussprache zu bewegen. Zwar hat die medial übergeprägte Hannah natürlich alles aus dem Fernsehen, aber immerhin bemüht sie sich. Die Szene am "runden Tisch" entbehrt auch nicht einer gewissen Komik. Gerade Adams Verhalten bringt einen zum Schmunzeln, obgleich die Kritik an seiner Schwester berechtigt ist (und auf fast alle anderen Girls auch zutrifft). Als Caroline ihm dann einen verdrehten Ödipus-Komplex unterstellt und Adam entsetzt "I don't want to fuck my sister!" ausruft, saß zumindest ich lachend vor der Mattscheibe. Adam Driver macht das toll! Zum Glück erkennt Hannah am Ende der Folge, wie ätzend Caroline ist, und schmeißt sie endlich raus - was Adam dann doch nicht schmeckt.

Beruflich gesehen hat Hannah zuerst wieder Riesendusel, obwohl sie eigentlich schon genug schlechtes Karma angehäuft haben müsste: Ihre neue Verlegerin möchte aus dem Manuskript nicht nur ein E-Buch, sondern ein "richtiges" Buch machen! Und irgendwo, nicht allzu tief in Hannahs Hirnwindungen, ist sie froh darüber, dass David verstorben ist…

Dem Ganzen wird erneut(!) eins draufgesetzt, als ihr Vater anruft, um ihr von einer Operation, die er hatte, zu erzählen, und Hannah erneut(!) wieder nur an sich selbst denkt. Und schon folgt das schlechte Karma, von dem ich eben noch geredet habe: Auch wenn ihre alten Verleger das Buch nicht publizieren wollen, haben sie auf drei Jahre die Rechte daran. So schnell ist die Seifenblase wieder geplatzt, und ganz versteckt empfindet man doch ein kleines bisschen Mitgefühl für Hannah Horvath, nicht veröffentliche Schriftstellerin. Natürlich besteht das Problem von Hannah darin, dass sie offensichtlich wenig Eigenimagination hat und ihr Roman so starke autobiographische Züge hat, dass sie erst neue Geschichten erleben muss, um neue Geschichten schreiben zu können.

"So it's like really important to my 15-year plan that I get into a good business school because I don't want to become like all my friends and family, yourself included."

Nachdem Shoshanna die letzten Folgen wieder zur Statistin degradiert wurde, wird die Storyline, die in #3.02 Truth or Dare begonnen wurde, diese Woche weitergeführt: Shosh steht vor ihrem Abschluss und macht sich entsprechend Druck. Da ist es von Nachteil, eine vom Leben gelangweilte Jessa bei sich im Zimmer hocken zu haben. Mit ihrer konsequent direkten Art faucht Shoshanna sie an, und Jessa mit ihrer abgeklärten Art, die mir übrigens immer besser gefällt, bleibt cool. Kaum zu glauben, was für ein Drama es gegeben hätte, wenn Shoshanna Marnie oder Hannah indirekt als Versagerin bezeichnet hätte!

Leider wird nicht weiter auf Shoshannas Kampf mit sich selbst eingegangen. Wer den Charakter kennt, kann sich denken, dass sie sich innerlich mehr Stress als nötig macht, und es wäre interessant zu sehen, wie sie damit umgeht, denn viele junge Menschen Anfang 20 haben ähnliche Probleme wie sie und machen sich Sorgen um ihre Ausbildung und berufliche Zukunft. Es ist schade, dass diese Handlung immer nur am Rande erwähnt wird, dabei ist sie elementar für die meisten twenty-somethings.

"I'm gonna get that job."

Huiui, ganz neue Aussagen von Jessa! Anscheinend trägt die Kombination aus Therapie, Kopfwäsche von ihren Freunden, einem vorgetäuschten Tod und Shoshannas Ehrgeiz Früchte: Jessa möchte ihr Leben auf die Reihe bringen und sucht sich einen Job. Natürlich macht sich Jessa keine Gedanken darüber, was sie denn gerne täte, sondern nimmt einfach den nächstbesten Job, der ihr in Form eines "Help wanted"-Schildes in den Schoß fällt. Also möchte sie Verkäuferin in einem Kindermodengeschäft werden (Jessa: "I want something with a touch of innocence." - Shoshanna: "You have a criminal record!" - großartig!). Die armen Kinder. Weiter bekommen wir von Jessa nichts mit. Ich hoffe auf ein amüsantes Einstellungsgespräch in der kommenden Folge.

"You're extremely judgemental [...] you come across like your're better than anyone [...] also, you're unbearably uptight [...], and you use people [...] so much so that even when you try to connect, to be sincere, it comes across as phony."

Marnies soziale Kontakte sind so sehr in der Versenkung verschwunden, dass sie die Leere in ihrem Leben mit einem Kätzchen kompensieren muss. Trotzdem bemüht sie sich nach wie vor um Hannah und versucht, die Freundschaft wieder aufzubauen. Hannah sagt ab - erneut. Auch wenn Marnies Auftritt an ihrem Geburtstag mehr als peinlich war, so kann sie einem in diesen Momenten doch leidtun, denn ihre einst beste Freundin interessiert sich überhaupt nicht mehr für ihr Leben.

In ihrer Frustration sucht Marnie Ray auf. um zu erfahren, was mit ihr alles nicht stimmt. Die Liste ist lang und absolut berechtigt. Eigentlich ist das eine reife Entscheidung seitens Marnie zu erkennen, dass sie viele Fehler begangen und wohl auch einige Charakterschwächen hat, aber leider beginnt die Konversation schon mit ihrer gewohnten Überheblichkeit ("Once you go to Manhattan, it's kind of hard to go back to Brooklyn.") Auf die meisten Sachen hätte sie mit einem gewissen Maß an Selbstreflexion auch von alleine kommen können. Ihre Bestürzung in Bezug auf Rays Aussagen (und der hält sich nicht zurück) zeigt, dass sie nie im Leben damit gerechnet hätte, wie sie wirklich bei anderen Menschen ankommt. Die Szene ist insgesamt sehr stark. Marnie hat sich mit Ray den richtigen Ansprechpartner gesucht, der in seiner Direktheit kein Blatt vor den Mund nimmt. Das hätte höchstens noch mit Jessa funktioniert, aber bei ihr bestände immer noch die Gefahr, dass sie absichtlich versuchen könnte, sie zu verletzen. Hannah hingegen hätte Lügen erzählt, um einer Konfrontation zu entgehen. Die Charakterisierung von Marnie, die Ray trifft, ist schonungslos, unbarmherzig und absolut zutreffend. Und da Ray so ein lieber Mensch ist, mag er Marnie trotzdem und erkennt, dass ihr Verhalten in ihrer tiefen Unsicherheit begründet liegt. Erneut: Diese Sensibilität und dieses Verständnis für andere Leute hat in der Serie "Girls" fast keiner. Ray wirkt sowohl echt als auch sympathisch in dieser Szene.

Und dann wird dieser Moment leider zunichte gemacht, indem Marnie und Ray miteinander in der Kiste landen. Das ist zu klischeehaft, sorry. Wenn Marnie sich bessern möchte, sollte sie aufhören, mit ihrem Verhalten ihren Umkreis immer wieder vor dem Kopf zu stoßen. Immerhin ist sie im Bett mit dem besten Freund ihres Ex-Freundes Charlie, oder andersrum dem Ex-Freund ihrer Freundin Shoshanna. So wird das nichts.

Fazit

Wie anhand der langen Review unschwer zu erkennen ist, passiert sowohl beruflich als auch privat viel im Leben von Hannah, und auch Marnie hat fesselnde Szenen. Da die Handlungsstränge von Shoshanna und Jessa, die beide ebenfalls vielversprechend sind, nur am Rande gezeigt werden, gibt es aber Punktabzug für diese Episode.

Isabella Caldart - myFanbase


Vorherige ReviewÜbersichtNächste Review

Diskussion zu dieser Episode

Du kannst hier mit anderen Fans von "Girls" über die Folge #3.05 Einzelkind diskutieren.

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren.

Mehr zum Datenschutz Schließen