Bewertung: 9

Review: #1.06 Der gute Mensch

Foto: Cliff Curtis, Fear the Walking Dead - Copyright: 2014 AMC Networks Inc.; Frank Ockenfels III/AMC
Cliff Curtis, Fear the Walking Dead
© 2014 AMC Networks Inc.; Frank Ockenfels III/AMC

Wem "Fear the Walking Dead" bisher zu unblutig und zombielos war, der kommt im Finale dieser kurzen ersten Staffel auf seine Kosten. Travis und Co. müssen ihre Heimat verlassen, weil das Militär die Zone quasi aufgegeben hat, und alles zentriert sich um die Krankenstation. Das Ausmaß der Katastrophe sollte nun jedem bewusst sein.

"The only way to survive a mad world is to embrace the madness."

Mein erster Gedanke nach Operation Kobalt war, dass sich Travis und alle anderen in der Schutzzone verbarrikadieren und versuchen, ohne militärische Hilfe zurecht zu kommen. Da das ohne Strom und wirkliche Informationen aber nicht besonders einfach ist und man natürlich schnell wieder an die fehlenden Familienmitglieder gelangen möchte, ist die schnelle Flucht in Richtung Krankenstation natürlich auch sehr logisch. Das Verlassen der Heimat hat dann aber natürlich auch eine weitere Barriere gelöst. Man begibt sich ins offene Feld, somit also auch in Gefahr. Und die wartet dann auch in Massen. Als die Zombies zum Angriff blasen, fragt man sich allerdings auch zwei Dinge. Wie konnte das nicht früher merkt werden und warum hat man lediglich Maschinengewehre zur Verteidigung? Schwerere Geschütze hätten durchaus hilfreich sein können, um den Nachschub zu unterbrechen. Nun gut, es beginnt eine kleine Schlacht à la Helms Klamm, wobei es bei der Inszenierung natürlich einen typischen Wechsel zwischen panischem Schusswechsel am Zaun und individuellen Rettungsaktionen innerhalb gibt, die die ständige Bedrohung durch wechselnde Spannungselemente so zur Geltung bringt, dass man sich erstmals richtig gefesselt fühlt.

Dabei passiert natürlich vieles gleichzeitig. Strand, der sich schnell zum interessantesten, weil geheimnisvollsten Charakter gemausert hat, spielt seine Karten nun aus und zieht mit Nick von dannen, wobei er alle anderen Gefangenen kalkulierend zurücklässt. Der Episodentitel ist also definitiv nicht für ihn bestimmt gewesen. Chris und Alicia mimen derweil die Wartenden, die aber gegen selbstsüchtige Soldaten und deren Gewalt nichts ausrichten können. Chris ist hier auch etwas sehr forsch und rennt irgendwie ins offene Messer. Letztlich überwiegt aber der Fakt, dass er sich einer sicheren Niederlage bewusst voll für Alicia einsetzt. Für das ungleiche Paar ist das sicherlich ein wichtiger Moment gewesen, sollte man in der Serie auf eine Romanze der beiden hinaus wollen, wonach es in dieser ersten Staffel eigentlich in vielen kleinen Momenten aussah. Auf jeden Fall zeigt sich hier auch das Manawa-Familien-Gen. Auch Liza agiert in der gesamten Staffel selbstlos und versucht selbst hier, in der schier hoffnungslosen Lage, immer noch mal zu schauen, ob sie nicht noch jemanden retten könnte. Es ist sehr schade, dass ihr das zum Verhängnis wurde und sie die Staffel nicht überleben durfte. Ihr Tod ist dabei aber zumindest in character, weil sie sich frühzeitig selbst dafür entscheidet und damit in mehrerer Hinsicht Weitsicht und Mut beweist, auch wenn die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit riesig sind.

"I'm not gonna let you do it."

Einen ebenso wichtigen Beitrag, der wohl auch noch in die nächste Staffel mit hineinspielen wird, lieferte wieder mal Travis. Er lässt Andrew entgegen des Wunsches von Daniel einfach gehen. Auch diese Gutmütigkeit wird am Ende bestraft, weil Andrew sich nicht retten, sondern sich lieber rächen will. Er bekommt die gerechte Strafe, weil Travis dann zurecht all seinen Frust heraus lässt. Seine Gutmütigkeit wird also zum Hindernis, ja zu einer Gefahr. Die Beziehung von Travis und Daniel wird das sicherlich weiter belasten, auch wenn Ofelia verhältnismäßig unbeschadet aus der Nummer heraus kommt. Und was bleibt uns als Konsequenz für den Gutmenschen? Die neue Welt kann so etwas nicht mehr gebrauchen (in der alten Welt, also unserer echten heutzutage, ist es allerdings auch nicht einfach, bedingungslose Nächstenliebe zu leben). Jeder ist sich selbst der Nächste. Hilfe ohne Eigennutz führt nur zu neuen Problemen. Spätestens die Nahkampf der Gruppe in der Küche hat nun sicherlich jeden dazu gebracht, die Ressourcen in erster Linie auf Selbsterhaltungstrieb zu stellen und Zombieschädel mit allen Mitteln zu zertrümmern. Travis kann einem am Ende der Episode jedenfalls nur Leid tun. Ich bin sehr gespannt, welche Entwicklung er in der zweiten Staffel nehmen wird.

"Nobody stays."

Nach der gelungen Flucht und der ernüchternden Fahrt durch die Großstadt, erreicht man eigentlich das Paradies. Das Anwesen von Strand ist traumhaft, hat eine eigene Stromversorgung und erst mal genug Vorräte. Doch das ist nicht die Festung, die für die zweite Staffel herhalten soll. Es soll nur eine Zwischenstation sein auf dem Weg zu einem Boot. Mitten im Wasser ist tatsächlich eine interessante Überlegung, die mir bisher noch nicht gekommen ist. Verwunderlich bleibt nur, wieso Strand scheinbar schon lange einen Plan hat. Und will er denn alle mitnehmen? Eigentlich brauchte er doch nur Nick? Eigentlich könnte der Rest dann erst mal bleiben. Es sind alles Fragen, die uns das Staffelfinale erst mal nicht beantwortet. Aber das muss es auch nicht. Die sechs Episoden haben uns einen interessanten Einblick in die Anfänge der Katastrophe gegeben. Als Zuschauer war das zunächst ungewohnt, aber die Atmosphäre baute sich kontinuierlich auf und jetzt will man dieses Spin-Off eigentlich auch nicht mehr missen.

Fazit

Jede Episode konnte ein Stückchen zulegen und so erleben wir ein Staffelfinale, was eigentlich keine Wünsche mehr offen lässt. Die Bedrohung ist nun in allen Köpfen angekommen, der Überlebenskampf ist da und die bedrohliche Atmosphäre fährt einem unter die Haut. "Fear the Walking Dead" ist also nicht nur das Ausschlachten eines Erfolgskonzeptes, sondern kann mit neuen Charakteren das Feld von hinten aufräumen und viele Argumente für seine Daseinsberechtigung liefern.

Emil Groth – myFanbase


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