Bewertung: 7
Kate Bush

Director's Cut

Als Mitte der 70er Jahre Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour das Teenager-Mädchen Catherine Bush entdeckte und ein multinationales Plattenlabel es sofort unter Vertrag nahm, hatte jenes Mädchen – das bestätigte sie später – noch keinerlei Ahnung von ihren Fähigkeiten. 36 Jahre und neun Alben später wagt es niemand, Kate Bushs Position als Ikone, Musik-Legende und Wegbereiterin für unzählige Künstler wie Björk, Lily Allen, Florence Welch ("Lungs") oder Yvonne Betz (Interview) auch nur leicht anzuzweifeln. Ohne sie sähe die heutige Musikwelt ganz anders aus – und damit sind ganz sicher nicht nur Lady Gagas ("The Fame") Kostüme gemein...

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Die brilliante Künstlerin ist jedoch nicht nur eine perfektionistische Vollblut-Musikerin, sondern auch mit Hingabe Mutter – beides sind wohl die wichtigsten Gründe dafür, dass es innerhalb der letzten 18 Jahren nur ein neues Album von ihr zu hören gab. Das hat sich nun geändert, was zuerst einmal jeden Fan freut. Was wohl ebenso jeden Fan skeptisch macht, ist die Tatsache, dass auf der neuen Scheibe kein neuer Song zu finden ist. Die neue Veröffentlichung ist keine Song-Collection, es sind auch keine Remixe, es sind Neuinterpretationen von Songs aus ihren vorletzten und vorvorletzten Alben "The Sensual World" und "The Red Shoes". Kate mochte die alten Songs nicht mehr, zumindest nicht mehr in ihrer Art, und wollte schauen, wie sie heute klingen würden.

Dementsprechend stellt sich nun also nicht die Frage, wie gut das Material ist. Dass viele ihrer Songs kleine Meisterwerke sind, steht fest. Man braucht auch keine Angst vor einem neuen Stil haben – eigenwillig und einzigartig wie eh und je schreibt und produziert die Britin ihren alternativen, progressiven Pop-Sound. Auch einen Blick in die Texte kann man sich sparen, denn auch die bleiben die hohe Kunst ihrer zugleich wahren wie merkwürdigen, berührenden Poesie. Was es nun gilt herauszufinden ist, ob die Lieder so gut und richtig erneuert wurden, dass man ihnen ihre Existenzberechtigung ausstellen kann.

An diesem Punkt ist es nun wohl an der Zeit, vorzustellen, wie die wichtigsten Neuerungen aussehen. 1989 und 1993 wurden die Original-Alben analog aufgenommen – das war damals modern und angesagt, lässt das Material heute aber eher kalt und fern klingen. Also wurde Kates Stimme diesmal digital aufgenommen, was sie – abgesehen von der Tatsache, dass jene sowieso etwas tiefer geworden ist – wärmer, leichter und reifer klingen lässt. Ebenfalls neu aufgenommen wurde das Schlagzeug. Dieses ist ja meist das beste Indiz, um das Alter eines Songs festzustellen – und nun klingt hier nichts mehr nach den 80er Jahren, sondern schlicht und einfach so wie aktuell produzierte Alben des erwachsenen Pops so klingen.

Das Aufnahmeverfahren, die Veränderung von Kates Stimme und die neuen Drums wirken sich auf alle Songs aus. Für drei Songs wurden sogar alle Instrumente neu aufgenommen, für manch andere nur eins, während bei anderen wiederum manche Instrumente weggelassen oder ausgetauscht wurden. "Moments of Pleasure" und "This Woman's Work", das auch schon in "Felicity" (#1.08 Die Grenze ziehen (2)), "Alias" (#1.02 Neuanfang) und "Ghost Whisperer" (#5.01 Aiden) lief, wurden beispielsweise noch spärlicher als damals instrumentiert. In ersterem wird der Chorus nun nicht mehr gesungen, sondern nur gesummt, was eine wunderbar stimmige Wirkung erzielt. In letzterem dagegen vermisst man den Klimax der alten Version, der den an für sich großartigen Song vorm Dahinplätschern rettet. In "The Red Shoes" hat man das irische Feeling gestrichen, schafft es aber dennoch, viel Drive zu bringen, ähnlich wie auch in "Lily" und "Top of the City", die man sich alle auch gut aus Feder und Mund der aktuellen alternativen Singer/Songwriterinnen (wie Jem oder Kate Nash ("My Best Friend Is You") vorstellen könnte. In "Never Be Mine" wurden die Pfeifen weggelassen, was zu einer passenderen Melancholie führt. Die Background Vocals wurden übernommen, stehen aber mehr im Vordergrund, so wie auch Kates Lead Vocals in "Flower of the Mountain". Früher hatte sie die mehr gehaucht als gesungen, damals hieß der Titel auch noch "The Sensual World" und hatte einen anderen Text. Warum? Weil Kate und ihre Plattenfirma die Rechte für eine Textpassage aus James Joyces "Ulysses" nicht bekamen, was sich nun geändert hat. Die Textänderung in "And So Is Love" ist schwieriger zu bemerken: "Now we see that life is sad and so is love" wurde in "Now we see that life is sweet and so is love" abgewandelt und zeigt, wie viel Bedeutung ein Wort hat. Vermutlich drückt es auch eine Entwicklung in der 52-Jährigen aus, die Anfang der 90er Jahre, als der Titel verfasst und eingespielt wurde, viele Verluste in ihrem Umfeld verkraften musste.

"Rubberband Girl" ist neben "Deeper Understanding" wohl das Lied mit der radikalsten Umgestaltung. Endlich ist es kein Madonna-Pop mehr, sondern ein interessantes Gitarren- und Bass-getriebenes Experiment, bei dem man Mrs. Bush über einem Elektro-Schleier mit zeitweiligem Mundharmonika-Einsatz wie durch ein Kissen singen hört. Spannend! Bei "Deeper Understanding" wurde noch mehr mit der heutigen Technik experimentiert: Kates Refrain wurde gestrichen und mit etwas verändertem Melodielauf von ihrem 13-jährigen Sohn Bertie eingesungen und dann mit Vocoder-Effekt bearbeitet. Das Gute dabei: Man hat das nicht einfach so gemacht, sondern weil es vom Text her, in dem es um jemanden geht, der statt mit seiner Außenwelt nur noch mit dem Computer Zeit verbringt, Sinn macht! Kates zart-werbender Gesang in der Erstausgabe hat inhaltlich natürlich auch gepasst, aber eine andere Facette gezeigt, somit muss letztlich jeder Hörer selbst entscheiden, welche Interpretation ihm mehr zusagt.

Und so ist es mit allen Stücken auf "Director's Cut". Sie werden sicher die Fans spalten, selbst in der Frage, ob die aktuellen Versionen für Bush-Neulinge vorteilhafter sind oder nicht. Manche Neueinspielung mag gefallen, manche enttäuschen, manche vielleicht zumindest verblüffen und Interesse wecken. Mancher Fan wird keinen Ersatz wollen, mancher sich über eine Alternative freuen und mancher freudig Neues im Alten entdecken. Welche Werke ich als gelungen und damit existenzberechtigt finde, entnehme man den unten stehenden Anspieltipps.

Fazit

Es ist schön, statt zwölf nur sechs Jahre auf ein neues Lebenszeichen der Grand Dame warten gemusst zu haben. Sie hat keine zu deutlichen Änderungen vorgenommen, hier und da aber doch zu dezente. Gefühl, Tiefgang und Relevanz besitzt Kate Bush nach wie vor und somit steigt die Vorfreude auf ihr angekündigtes zehntes Studioalbum bzw. ihr neuntes mit neuen Songs.

Anspieltipps
Lily
Deeper Understanding
Moments of Pleasure
Top of the City
Rubberband Girl

Artistpage
KateBush.com

Tracks

1.Flower of the Mountain
2.Song of Solomon
3.Lily
4.Deeper Understanding
5.The Red Shoes
6.This Woman's Work
7.Moments of Pleasure
8.Never Be Mine
9.Top of the City
10.And So Is Love
11.Rubberband Girl

Micha S. - myFanbase
22.05.2011

Diskussion zu dieser CD

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