Bewertung: 8
Edo Zanki

Zu viele Engel

Lange, lange vor Xavier Naidoo, Laith Al-Deen und Adel Tawil (Ich + Ich), da gab es deutschsprachigen Soul und zwar aus Mund und Hand von Edo Zanki. Jahrzehnte lang hatte der Probleme mit sich, mit seinen Plattenfirmen und den Medien, weil – wie er selbst sagte – "in Deutschland Rockmusik wie ich sie mache, die amerikanisch angehaucht ist und auch Jazz-, Funk- und sogar Soulelemente enthält, grundsätzlich nur dann akzeptiert wird, wenn sie englischsprachig ist." Ja, und da brauchte es wirklich erst die 90er Jahre bis ein Mann, der bereits seit den 60ern Musik machte, für Tina Turner und Grönemeyer schrieb, für die einzig guten Alben von Nino de Angelo und Nena sorgte, RTLs "Supertalent" Freddy Sahin-Scholl entdeckte und die Supergroup 4yourSoul gründete, die Musik machen konnte, die er wollte.

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Und so zählen seine in diesem Jahrtausend entstandenen Soloalben zu dem besten, was Deutschland so zu bieten hat. Nachdem "Die ganze Zeit" 2001 der Antrieb eines Comeback-Albums zugute kam und "Alles was zählt" 2008 nach einer durch sein Ehe-Aus hervorgerufenen Krise vor emotionaler Tiefe und Tatendrang nur so strotzte, begeisterte sein erstes Live-Album vor zwei Jahren mit einer Leidenschaft, die fast aus den Boxen kriechen wollte. Nun ist die Frage, wie gut ein Album daher kommt, dem keine lange Pause und keine persönliche Notlage voraus ging.

Anders als auf den zwei Studio-Vorgängern beginnt "Zu viele Engel" mit einem jazzig-bluesig angehauchten ruhigem Stück, was zuerst verwundert, dann aber sofort Sinn macht: Denn genauso gut wie mit soulig-funkigen Krachern wusste der gebürtige Kroate schon immer mit ganz viel Gefühl zu berühren. Und das tut der Einstiegssong "Finde dein Glück", wenn Stefan Raabs Casting-Singer/Songwriter Gregor Meyle ("Meylenweit") das schreibt (und auf seinem zweiten Album auch selbst sang), was Edo sowohl beruflich, als auch privat lernen durfte: "Erst wenn du warten kannst, erfüllt sich dein Traum / Erst wenn du geben kannst, schenkt man dir Liebe." Eine ähnliche positive Botschaft hat "Ein neuer Tag": "Die Welt kommt nicht zu dir, du musst zu ihr rausgehn / Du musst die Leute sehn / Zieh dir was an und mach dich schön / Nimm den andren Weg zur Stadt, geh nicht durch seine Straße" – da fühlt sich jeder Mensch mit Liebeskummer von Edos Worten umarmt und getröstet.

Der Titelsong, zweiter Track auf dem Album, ist einer von der smoothen Sorte: Entspannt, aber mit einem Beat, bei dem man den Fuß nicht stillhalten kann, beschreibt Zanki liebevoll eine ungewöhnliche Frau, die einen nach wenigen Textzeilen bereits fasziniert: "Sie hat ‚nen Gang wie Tanzen, Lachen wie Sekt / Sie ruft Backbord und springt Steuerbord / Sie sagt Land in Sicht, doch wo sagt sie nicht.". Solch charmante Poesie entsteht, wenn Werbetexter – in diesem Fall Edos langjähriger Songschreiber Ralf Maier – Liedtexte schreiben. Auch "Mitten unterm Jahr" erzählt von einer interessanten Person: "Du begegnest dem Leben mit einem Lachen, breit wie der Nil / Dich interessiert nicht Gewinnen, dich interessiert das Spiel / und ob du von all seinen Regeln wohl die Ausnahme bist / weil du dich am liebsten an dir selbst misst." Es sind solche Texte, die beweisen, dass der Wahl-Badenser selbst keine persönlichen Dramen mehr erleben muss, um Lieder mit Gehalt und Gefühl zu singen. Schon vor fünf Jahren hätte ihm dieser Titel gehören sollen und nicht Christina Stürmer ("Laut-Los"), die nicht einmal ansatzweise die wunderbare Vertonung von Sohn Mannheims Florian Sitzmann mit Leben füllen kann.

"Lass uns ein Wunder sein" geht deutlich in die Deutsch-Rock-Ecke, irgendwo zwischen Maffay und Humpe (2Raumwohnung), und das nicht nur dank Mitwirkung von Julia (ehemals Jule) Neigel, sondern wohl v.a. durch Songschreiber Rio Reiser. Auch Jahre nach Echt, Fettes Brot ("Fettes") und Jan Delay ("Wir Kinder Vom Bahnhof Soul") zeigt das Covern von Reier-Titeln immer noch, welch Wortkunst jener Mann schuf: "Ich will dich… aber nicht bekehrn, dich erziehn oder belehrn / dass du mit keinem andern pennst / wenn ich nicht bei dir bin flennst / deine Freunde nicht mehr kennst / und wenn ich rufe rennst."

Vier Songs hat der Könner mit seiner seit Jahren treuen vierköpfigen Band geschrieben. In "Hast du kein Herz?" dürfen Orgel, Gitarre, Bass und Drums um die Wette grooven. Alle Achtung, Motown steht dem Herrn Zanki gut! Der flotte Track erzählt die Geschichte von einem Kerl, der an eine Frau gerät, die von ihm lieber Kleider als Liebe will. Jener Frau verleiht Tiffany Kirkland eine Stimme, Sängerin von Waterproof, wo übrigens auch das einzige begabte Preluder Tertia Botha mitmacht. Bei "Im Herzen der Stadt" bleibt Miss Kirkland angenehm im Hintergrund. Passend zum Text über die Großstadt will das Stück pulsieren, bleibt aber letztlich zu unspektakulär. Und seine E-Gitarre erinnert eh zu sehr an Tina Turners "When the Heartache Is Over". In "Beton", geschrieben vom bewährten Bruderduo Edo & Vilko, gefällt die E-Gitarre viel mehr und auch sonst bekommt der Song alles besser hin, indem sein an für sich sinnfreier Text durch den immensen Drive der Instrumente und die kraftvolle Stimme des Sängers vollkommen vergessen und die Spielfreude der Musiker zur Hörfreude der Rezipienten wird.

Hinter dem dritten Bandsong "Sag jetzt nicht" vermutet man anfangs einen weiteren recht sachlichen Titel über die Freuden des Autofahrens, groovt dabei auch passend, entpuppt sich dann aber als Momentaufnahme einer vermutlich gescheiterten Beziehung: "Dies eine Mal war das eine Mal zu viel / Der Stich ins Herz war dies eine Mal zu tief / Eine Nacht zu viel, in der ich nicht schlief / Eine Nacht zu viel, in die ich deinen Namen rief." Abermals eine kleine Geschichte, der Edo so scheinbar einfach mit seiner sehr modulationsfähigen Stimme eine ansteckende Atmosphäre verschafft. Auch "Zeichen und Wunder" zieht in seinen Bann, wenn ein kleines Mädchen – "noch viel zu jung, um so weise zu sein" – Hoffnung in all dem Leid der Welt sieht. Und so hinterlassen Edos Resümee und die letzten Zeilen und Töne der CD Eindruck: "Wer jetzt noch Hoffnung hat, ist schlecht informiert / Oder kann sein, dass er die Welt nicht kapiert? / Oder kann sein, dass er was sieht, was wir nicht sehn?"

Fazit

"Kein Tag tut mir leid" ist zwar der vorletzte Song auf der Platte, fasst aber ähnlich wie Edos Hit "Gib mir Musik (Viertel vor neun…)" ausgezeichnet die Philosophie und Lebenserfahrung des Paten des deutschen Souls zusammen: "Kein Tag tut mir leid / Kein Tag war wie der andere / Auch wenn's manchmal bitter war und voller Gefahr, mein Freund / Es war die Musik in mir, die hat mich gerettet…" Da freut es, dass ein fast 60-Jähriger sich gefunden hat, sich in aller Spiel- und Lebensfreude ausleben darf und erneut ein hochqualitatives, sowohl nahe gehendes als auch Laune machendes Werk geschaffen hat.

Anspieltipps
Finde dein Glück
Zu viele Engel
Mitten unterm Jahr
Sag jetzt nichts
Zeichen und Wunder

Artistpage
Edo-Zanki.de

Tracks

1.Finde dein Glück
2.Zu viele Engel
3.Hast du kein Herz?
4.Ein neuer Tag
5.Lass uns ein Wunder sein
6.Mitten unterm Jahr
7.Im Herzen der Stadt
8.Beton
9.Sag jetzt nichts
10.Kein Tag tut mir leid
11.Zeichen und Wunder

Micha S. - myFanbase
11.04.2011

Videos

Diskussion zu dieser CD

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