Alcatraz - Review Staffel 1

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Foto: Alcatraz - Copyright: Warner Bros. Entertainment Inc.
Alcatraz
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FOX begann vor knapp einem Jahr kräftig die Werbetrommel für seinen selbsternannten Serienhit "Alcatraz" zu rühren. Mit Urgestein Sam Neill wurde angepriesen, was das neue "Lost" werden sollte. Damit das auch gut läuft, kaufte man Jorge Garcia ein, seines Zeichens ehemaliger "Lost"-Darsteller und Zuschauerliebling. Weiter gehört zum Cast der Mystery-Serie die hübsche, in England aufgewachsene Inderin Parminder Nagra, bekannt aus "Emergency Room - Die Notaufnahme" und "Kick it like Beckham", dazu gesellt sich als Rebecca Madsen die noch recht unbekannte Sarah Jones. Damit ist das Quartett komplett und man kann zusätzlich noch mit erstklassigen Gastdarstellern aufwarten. Der wohl bekannteste darunter ist Jim Parrack aus "True Blood als ehemaliger Alcatrazinsasse und Killer Guy Hastings. Doch auch Rebecca Field übernahm in der dritten Episode eine Gastrolle. Also rein casttechnisch ist "Alcatraz" ein Juwel. Doch das Ganze ließ nach einem grandiosen Piloten recht schnell inhaltlich nach. Die Serie ist an der Stelle ein sehr scharfes, zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist der Inhalt wirklich top und bleibt es auch bis zum Schluss. Auf der anderen Seite läuft der Zuschauer Gefahr, vor Langeweile und Einfallslosigkeit ob der Personen einzuschlafen.

Die Story an sich ist schon zweigeteilt: Die Rückblicke in die 1960er Jahre bringen einen zurück auf die Gefängnisinsel Alcatraz in der Bucht von San Francisco. Damals war das Gefängnis gut belegt mit allerlei abscheulichen Greultätern der amerikanischen Gesellschaft: Mörder, Kinderschänder und anderer Abschaum teilten sich mit Wärtern und deren Familien den Felsen, wobei die Gefangenen natürlich in kleinen Zellen eingesperrt waren und die Wärter(familien) kleine Wohnungen bewohnten. Der andere Teil der Story ist die Gegenwart, in welcher immer wieder Gefangene auftauchen, die 1963, als das Gefängnis offiziell schloss, eigentlich verschwanden. Sie bewegen sich nun unerkannt unter dem Menschen und gehen ihren Gelüsten zu morden weiter nach. Rebecca Madsen, Diego Soto, Lucy Banerjee und Emerson Hauser machen sich auf die Jagd nach eben diesem Abschaum. 1963 verschwanden jedoch nicht nur Gefangene von Alcatraz, auch alle Angestellten lösten sich in nichts auf, und auch diese kommen nach und nach zurück in die Gegenwart.

Foto: Jorge Garcia, Alcatraz - Copyright: Warner Bros. Entertainment Inc.
Jorge Garcia, Alcatraz
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Das Mysterium besteht aus zwei Komponenten, wie es die ganze Serie zu tun scheint. Da wäre der Gefangene Thommy Madsen, dem man in Alcatraz Unmengen von Blut abzapfte, und das Hauptmysterium, warum 1963 die Bewohner verschwanden und nun nach und nach wieder auftauchen. Doch irgendwie verschwimmt dieses Hauptmysterium soweit und vor allem so schnell, dass es die Zuschauer gar nicht recht interessiert, ob man das "Warum" und das "Wie" überhaupt aufklärt. Zwar wird das Thema immer wieder angeschnitten, aber in der Gegenwart macht man keinen Fortschritt, das Rätsel zu lösen.

Es ist ganz einfach auf einen Punkt zu bringen. Die Geschichte aus der Gegenwart verliert nicht nur schnell an Dynamik und Entwicklung, die Figuren bleiben auch recht undurchsichtig und fremd. Was anfänglich äußerst spannungsbildend war, ist im Verlauf überaus lästig und macht die Personen nicht spannender, sondern langweilig. Gerade Rebecca ist hier Paradebeispiel. Sie lernt allerlei Dinge über ihre Familie, ihren Großvater (den verurteilten Mörder und Insassen von Alcatraz, der in der Gegenwart ihren Partner umbrachte) und ihren Onkel, der sie aufzog. Dabei bleibt Rebecca sehr auf Abstand, wobei das Problem hier weniger an der Figur zu liegen scheint, als einfach an einer furchtbaren Darstellerin. Sarah Jones bekommt es einfach nicht hin, zum Zuschauer eine Verbindung aufzubauen. Sie bleibt auf Distanz und wirkt schnell unerreichbar, was sie auf Strecken gar arrogant herüber kommen lässt. Ich denke nicht, dass Rebecca Madsen eine arrogante Person ist, doch der Eindruck, den Jones kreiert, bleibt. Trotzdem gibt es neben Jones noch andere Darsteller.

Sam Neill schafft es, den abgebrühten, dickköpfigen und in Interaktion mit Lucy fast schon zärtlichen FBI-Agenten darzustellen. Und gerade Lucy kann in den Rückblicken sehr überzeugen, denn auch sie ist eine von denen, die 1963 verschwanden. Damals war Hauser noch ein junger Mann, der begonnen hatte, als Wärter in Alcatraz zu arbeiten, und dort Lucy kennen gelernt hat. Die beiden gingen aus, bis Alcatraz leergefegt wurde. Hauser fand damals die Insel verlassen vor und ist seitdem auf der Suche nach einer Erklärung. Doch das ist es auch. Da Lucy die meiste Zeit in der Gegenwart im Koma liegt, ist die Gegenwarts-Lucy sehr unbekannt. Es stellt sich die Frage, ob sie noch immer die Person ist, die man in den Rückblicken sieht oder ob sie sich geändert hat. Weiß sie wirklich nicht, warum sie 1963 verschwand und nun wieder da ist?

Zuletzt bleibt noch Diego Soto übrig, der von Jorge Garcia dargestellte, überdurchschnittlich intelligente Comicbuchverkäufer, der sich trotz seines Doktortitels gegen eine akademische Laufbahn entschied und stattdessen Bücher über Alcatraz schrieb. Es ist der phantastischste Charakter und dadurch auch irgendwie der realistischste, persönlichste und charismatischste. Es ist schwer zu erklären, dass gerade durch seine ungewöhnliche Geschichte, ein doch recht gewöhnlicher Mensch entstanden ist, der sich vorwiegend mit seinen Hobbies beschäftigt. Er wird eher zufällig Mitglied der Sondereinheit und kommt mit der Realität nur schleppend zurecht, denn all die neuerliche Gewalt um ihn herum kann er schlecht verarbeiten. Er beginnt einen Comic zu zeichnen, in welchem er das Erlebte verarbeitet. Gerade diese Details machen ihn so großartig. Garcia überzeugt in dieser Rolle so sehr wie schon in "Lost".

Foto: Parminder Nagra, Alcatraz - Copyright: Warner Bros. Entertainment Inc.
Parminder Nagra, Alcatraz
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Ist die Gegenwartsgeschichte recht öde und eintönig, was nicht einmal tolle Gastdarsteller ändern können, bleibt der Ablauf in der Gegenwart doch immer der gleiche (Entdecken, dass es einen neuen 63er gibt, Suche nach ihm, Gefangennahme und Unterbringung im neuen Knast), so hebt sich gerade die zweite Storyline ab. Die Geschichten in der Vergangenheit sind spannend, mysteriös und enthüllen immer wieder etwas mehr vom großen Ganzen. Da man als Zuschauer genau weiß, worin die Ereignisse gipfeln, fragt man sich dauerhaft, welche Details nun zum Verschwinden führten und welche im Grunde völlig unwichtig sind.

Die Figuren des Gefängnisdirektors und seines Stellvertreters sind sehr kontrastiv. Ist der Stellvertreter schnell durchschaubar und seine Absichten zumeist leicht zu erkennen, ist man sich am Ende der ersten Staffel noch immer nicht sicher, wie man den Direktor einzuordnen hat. Gleichzeitig entwickelt man gerade für Nagras Rolle der Dr. Lucille Banerjee großes Interesse. Was genau ist ihre Rolle in dem Ganzen? Warum versucht sie den Insassen zu helfen? Und warum tut sie dies manchmal auf überaus grausame Art und kann dann auch wieder fast zärtlich zu den Kriminellen sein?

Die Parallelgeschichte ist das, was Alcatraz spannend macht. Doch die Vermischung mit der Gegenwartsgeschichte ist es, was die Serie zu einen schwierigen Kandidaten macht, denn dadurch entsteht ein unharmonisches Bild, unter welchem die Serie sehr leidet. Um es auf den Punkt zu bringen, wünschte ich mir am Ende der ersten Staffel, dass man die Gegenwartsgeschichte einfach vergessen und eine reine Serie über die Vergangenheitsstoryline gemacht hätte. Das würde "Alcatraz" zu einem Überflieger machen. Doch durch die Doppelhandlung geht sehr viel Potenzial verloren, das die Serie sicherlich aufgebaut hätte. So versucht man immer auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen und am Ende kommen beide Storylines zu kurz. Man rennt in den letzten Episoden durch die Geschichte und am Ende steht die Frage, ob es eine zweite Staffel geben sollte, in der die Story hoffentlich mehr Tiefe bekommt oder ob es nicht Sinnvoller wäre, nach der ersten Season den Schlussstrich zu ziehen. Es wäre in der Tat doch recht enttäuschend, sollte das schon alles gewesen sein. Dann würde die Serie sicherlich im Sumpf der Vergessenheit verschwinden. Und so langweilig das Geschehen in der Gegenwart auch ist, umso spannender ist einfach die 1960er-Storyline.

Fazit

Schlussendlich muss ich festhalten, dass "Alcatraz" sicherlich nicht der von FOX gewünschte "Lost"-Nachfolger ist, was die stark rückgängigen Zuschauerzahlen auch deutlich machen. Doch die Serie könnte durch eine zweite Staffel sicherlich an Tiefe gewinnen und die Chance bekommen, Figuren wie Rebecca Madsen auszuarbeiten. Die erste Staffel "Alcatraz" lohnt sich insofern, dass man ja die hervorragende Substoryline hat. Es ist wirklich spannend, in den Alltag des Gefängnisses einzutauchen mit all den Verbrechern und undurchsichtigen Charakteren wie dem Direktor.

Jamie Lisa Hebisch - myFanbase


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