Switched at Birth - Review Staffel 1

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Am 8. August wurde in den USA das Staffelfinale von "Switched at Birth" ausgestrahlt – zumindest das vorläufige. Denn die Serie über zwei 16-jährige Mädchen, die bei der Geburt vertauscht wurden und nun ihre leiblichen Eltern kennenlernen, konnte mit den bisher gezeigten Folgen so gute Quoten einfahren, dass der Sender ABC Family bereits eine Woche zuvor verkündet hatte, dass 22 weitere Folgen für die erste Staffel bestellt sind und ab Januar 2012 ausgestrahlt werden. Nichtsdestotrotz wollen wir schon jetzt einen Blick zurück auf die zehn ausgestrahlten Episoden werfen und in einer vorläufigen Staffelreview näher betrachten, ob die zufriedenstellenden Quoten auch ein Maßstab für die Qualität der Serie sind.

"We agreed to move in together so we could get to know each others girls, not co-parent them!"

Foto: Katie Leclerc & Vanessa Marano, Switched at Birth - Copyright: ABC Family
Katie Leclerc & Vanessa Marano, Switched at Birth
© ABC Family

Der Schwerpunkt von "Switched at Birth" liegt natürlich hauptsächlich auf dem titelgebenden Ereignis, nämlich den vertauschten Töchtern und ihren Familien, die mit dieser lebensverändernden Situation klar kommen müssen. Obwohl die Grundidee alles andere als originell ist, schaffen es die Autoren, die Story trotzdem interessant zu gestalten und damit vor allem die Gefühlslage aller Charaktere, insbesondere die der Töchter und Mütter wunderbar zu beleuchten. Die Diskussion Gene vs. Erziehung ist im Zeitalter von künstlicher Befruchtung, Samenbanken und Leihmüttern nicht mehr wegzudenken und ist auch bei "Switched at Birth" ständig präsent. Ob es nun Bay ist, die sich ihrer Familie nie richtig zugehörig gefühlt hat und nun eine Erklärung dafür bekommt oder Kathryn, die sich selbst immer wieder fragt, wie sie nicht erkennen konnte, dass das Baby in ihrem Arm nicht dasselbe war, das sie neun Monate lang in sich getragen hat, oder natürlich Regina, die schon seit zwölf Jahren weiß, dass die Mädchen vertauscht wurden und zwar ihre leibliche Tochter unbedingt kennenlernen, aber Daphne nicht verlieren und beide Familien nicht zerstören wollte – alle Charaktere sind gezwungen, sich ständig und intensiv mit sich selbst auseinander zu setzen.

Und es ist wunderbar, dass diese Selbstreflexion nicht wie in manch anderen Serien abseits der Handlung geschieht, sondern ständig kommuniziert wird, keiner nimmt ein Blatt vor den Mund und alle reden zumindest mit einer Person ehrlich über ihre Gefühlslage. Innerhalb kürzester Zeit wird es damit dem Zuschauer ermöglicht, einen Zugang zu den Figuren zu bekommen und mir gefällt es außerordentlich gut, dass die Autoren sich auch nicht scheuen, jedem Charakter ein paar Makel zu verpassen. Denn dadurch wirkt die ganze Situation, trotz der klischeebehafteten Arm-Reich-Ausgangslage, extrem authentisch und vor allem menschlich. Alle Charakterentwicklungen sind absolut nachvollziehbar, gerade bei den beiden Mädels: während Daphne, die vor dem Zusammentreffen mit den Kennishs selbstsicher und trotz ihres Taubseins unbeschwert ist, immer mehr den Druck spürt, sich anpassen zu müssen und nach und nach jeden Halt in ihrem Leben verliert, fängt Bay an, sich endlich in ihrer Haut wohlzufühlen, akzeptiert sich selbst und wird dadurch auch von ihrer Umwelt ganz anders wahrgenommen.

Es gefällt mir sehr gut, dass diese ganzen Probleme auch nach zehn Folgen noch die Haupthandlung der Serie darstellen und nicht sofort gelöst werden – ganz im Gegenteil: durch Reginas langjähriges Wissen über die vertauschten Kinder, durch die Ankunft von Angelo und damit verbunden natürlich auch durch den Prozess gegen das Krankenhaus sehe ich hier für die nächsten Folgen einiges an Potenzial. Denn auch wenn Regina, Kathryn und John sich fürs Erste zusammengerauft haben, so ist doch schon jetzt offensichtlich, dass es noch viele ungeklärte Konfliktpunkte gibt, die früher oder später die fragile Harmonie (oder vielleicht doch besser den Waffenstillstand?) zu zerstören drohen. Bis es dazu kommt muss man allerdings festhalten, dass es innerhalb der beiden Familien zu einigen tollen Beziehungen gekommen ist, wie zum Beispiel zwischen Kathryn und Regina, die sich ebenso wie Bay und Daphne als einzige in die Lage der jeweils anderen versetzen können, aber auch John und Daphne oder Toby und Regina hatten sehr schöne Szenen miteinander. Am meisten gefallen mir allerdings immer noch die Mutter-Tochter-Beziehungen, egal in welcher Kombination, denn dabei kommt es meiner Meinung nach zu den emotionalsten und stärksten Szenen, egal ob es lautstarke Auseinandersetzungen oder kleine, bedeutsame Momente sind.

"I can only be myself with people who speak my language."

Foto: Switched at Birth - Copyright: ABC Family/Andrew Eccles
Switched at Birth
© ABC Family/Andrew Eccles

Das andere große und mindestens ebenso spannende Thema in der Serie ist die Auseinandersetzung mit dem Taubsein. Großartig finde ich dabei, dass so ziemlich jede Sichtweise und auch jeder Aspekt dargestellt werden: es gibt mit Emmett und Melody eine Familie, in der alle taub sind und in der auch nicht gesprochen wird, mit den Kennishs eine Familie, die sich mit dem Thema bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht auseinandergesetzt hat, und als Bindeglied zwischen den Welten gibt es Daphne und Regina, die beide Zeichensprache verwenden, aber auch beide sprechen. Da ich mich bislang auch noch nie ausführlich mit dem Thema Taubsein beschäftigt habe, war es für mich unglaublich interessant, einen Einblick in diese ganz eigene Kultur zu bekommen und in die Probleme, die der Alltag darstellen kann, wenn dieser nicht auf hörgeschädigte oder taube Menschen ausgerichtet ist.

Für die Serie wichtig ist in erster Linie natürlich der Aspekt des Ausgegrenztseins, aber gleichzeitig auch der des Selbst-Ausgrenzens. Emmett ist beispielsweise zu Beginn ein radikaler Verfechter von letzterem: er will am liebsten gar nichts mit hörenden Menschen zu tun haben, weil diese weder seine Sprache noch seine Kultur verstehen und sich in seiner Gegenwart unwohl fühlen oder unhöflich verhalten – eine Sichtweise, die durch das Verhalten von Liam, Toby und anderen immer wieder bestätigt wird. Deshalb wird es umso interessanter, je mehr sich das hörende Umfeld von Bay und das taube bzw. taubstumme Umfeld von Daphne vermischen und es zwangsläufig zu Interaktion zwischen den beiden Gruppen kommt. Dabei wird schnell klar, dass nicht nur die Gruppe der Hörenden, sondern auch die Gruppe der Tauben ignorant und intolerant sein kann, dass beide Vorurteile haben und sich erst langsam einander annähern.

Dieses langsame Annähern wird wunderbar visualisiert durch die immer größer werdende Anzahl von hörenden Menschen, die die Zeichensprache lernen und verwenden – und mit denen auch der Zuschauer mitlernt. Anfangs hatte ich die Befürchtung, dass mich die Untertitel irgendwann nerven würden, doch dieser Eindruck hat sich gottseidank nicht bestätigt, vor allem auch deshalb, weil diese wirklich nur dann eingesetzt werden, wenn sie tatsächlich nötig sind, also hauptsächlich in den Unterhaltungen von Daphne und Emmett und Emmett und Melody. Vielleicht ist es aber auch der Erzählweise der Serie zu verdanken, dass man als Zuschauer gemeinsam mit den Kennishs an die Zeichensprache heran geführt wird und so mit der Zeit ein ganz eigenes Verständnis dafür entwickelt. Für mich war es auch faszinierend zu sehen, wie emotional und intensiv selbst Streitszenen in Zeichensprache wirken – auch wenn es eigentlich keine große Überraschung ist, schließlich tragen Mimik und Gestik immer zu einer intensiveren Wirkung bei.

Dieser Aspekt der Serie gefällt mir also wirklich extrem gut und hat für mich noch mehr Potenzial für die kommenden Folgen (oder auch Staffeln?), da man hier zwar schon einige wichtige Aspekte angesprochen, aber noch lange nicht auserzählt hat, wie zum Beispiel Emmetts Wunsch nach einer Sprachtherapie oder auch die Möglichkeit für Daphne, mit einem Cochlea-Implantat wieder hören zu können und wie sowohl die beiden selbst als auch ihr Umfeld mit diesen Veränderungen umgehen.

"It would be easier, if I could just go find a deaf Bay. But I don't want a deaf Bay. I just want you."

So toll diese beiden großen Themen auch umgesetzt werden, eine Teen-Dramaserie ist doch nichts ohne ein paar schöne Love Interests und vor allem ein Paar sticht dabei zumindest für mich absolut hervor: Emmett und Bay. Die beiden haben mich im Sturm erobert und wahrscheinlich auch mit dazu beigetragen, dass mich die Serie ab der sechsten Folge noch mehr begeistert hat. Vanessa Marano und Sean Berdy, der sich schon in den Episoden davor zum heimlichen Star der Serie gemausert hat, haben eine großartige Chemie und mit der Verbindung dieser beiden Charaktere schafft man es nicht nur, sowohl die Problematik zwischen Daphne und Bay als auch das Thema taub/hörend zu vereinen, sondern sie trägt vor allem dazu bei, dass Bay unheimlich an Profil gewinnt und dem Zuschauer gleichzeitig zugänglicher wird. Mir hat es sehr gut gefallen, dass die beiden nicht wie Liam und Daphne oder Bay und Ty relativ platt zusammengeschoben wurden, sondern dass sich ihre Beziehung ganz wunderbar aus einer flüchtigen Bekanntschaft zu einer Freundschaft entwickelt hat, in der beide plötzlich merken, dass sie mehr füreinander empfinden. Interessant ist dabei für mich vor allem, dass es nicht Bay ist, die ihre Vorurteile gegenüber tauben Menschen überwinden muss, sondern Emmett, der sich eingestehen muss, dass er sich doch in ein hörendes Mädchen verlieben kann – wobei er allerdings in seiner wunderschönen Liebeserklärung im Finale ganz richtig bemerkt, dass es bei ihm und Bay von Anfang an nicht darum ging, ob sie taub oder hörend ist.

Ein toller Nebeneffekt dieser Beziehung war für mich die Annäherung zwischen Bay und Daphne, auch wenn das in den letzten beiden Folgen leider wieder zerstört wurde, nachdem Daphne plötzlich entdeckt, dass sie ebenfalls Gefühle für Emmett hat. Diese Dreiecksgeschichte, die nun für die kommenden Folgen angelegt wurde, ist so ziemlich der einzige Wermutstropfen für mich: Daphne und Emmett haben zwar auch eine tolle Chemie, doch die beschränkt sich für mich ausschließlich auf ihre Freundschaft und ich hoffe inständig, dass einerseits Daphne das auch bald einsieht und dass andererseits Emmett zu seiner Entscheidung und zu Bay steht. Natürlich habe ich nichts gegen ein bisschen Drama bei den beiden, vor allem nicht wenn Emmett noch mehr von diesen herzerweichenden Entschuldigungsreden und Liebeserklärungen auf Lager hat, aber mit der taub/hörend-Problematik sind für mich da schon genügend Schwierigkeiten angelegt, als dass ich auch noch einen Streit zwischen den beiden Mädels bräuchte – und außerdem habe ich schon einen soft spot für Daphne und Wilke, die zusammen herrlich erfrischend sind!

Fazit

Sowohl die Autoren als auch die Darsteller haben in den bisherigen zehn Folgen der ersten Staffel von "Switched at Birth" großartige Arbeit geleistet und völlig zu Recht das Vertrauen des Senders bekommen, auch noch 22 weitere Folgen zu stemmen. Der Umgang mit dem Thema Taubsein hat das perfekte Maß an Sensibilität und Offenheit und ich freue mich schon sehr darauf, die weitere Betrachtung der bislang angerissenen Probleme zu sehen. Auch die Charakterentwicklung lässt kaum Wünsche offen, lediglich bei Toby erhoffe ich mir, dass er noch mehr in die Grundstory integriert wird und weniger Nebenstorylines erhält, da diese bislang nicht sonderlich spannend waren. Ansonsten bleibt nur zu sagen, dass "Switched at Birth" trotz des Genres überraschend viel Tiefgang, aber auch viel Herz und Humor hat und ich es kaum noch erwarten kann, im Januar 2012 mehr von Bay, Daphne und Co. zu sehen.

Lena Stadelmann - myFanbase

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