Bewertung: 6

Review: #1.05 Kapitel 5: Der Floh und der Akrobat

Foto: Millie Bobby Brown, Stranger Things - Copyright: Courtesy of Netflix
Millie Bobby Brown, Stranger Things
© Courtesy of Netflix

Irgendwie ist es ja schon ironisch: Da wird in der Vergangenheit ungewöhnlich viel Zeit dafür aufgewandt, für Nancy in der Serie eine Präsenz aufzubauen, die oftmals durchaus kritikwürdig ist, weil sie den Plot eher bremst als voran bringt. Und plötzlich ist die bisher viel gescholtene Nancy diejenige, die durch die Geschehnisse in #1.05 Kapitel 5: Der Floh und der Akrobat die Figur, die die Geschichte am weitesten nach vorne treibt. Das erklärt, warum bisher gerade ihre Storyline so viel Raum in "Stranger Things" einnahm. Es ändert aber nichts daran, dass man dem Zuschauer und auch ihr als Charakter den Einstieg deutlich hätte erleichtern können, wäre der Fokus der Geschehnisse um sie herum ein anderer gewesen.

Nancy, die mit Jonathan und einem Baseballschläger (!) bewaffnet sich auf die Suche nach dem Monster machte, ermöglicht nun einen noch viel tieferen Einblick in dessen Welt wie je zuvor. Man sieht nicht nur das gesichtslose Monster nun das erste Mal in voller Pracht, sondern beginnt auch so langsam zu verstehen, wie das "Upside Down" bzw. die Schattenwelt funktioniert. Das Monster kann anscheinend beliebig Zu- und Abgänge bzw. Portale zwischen der normalen Welt und der anderen Seite generieren. Dementsprechend wäre natürlich nun vor allem interessant, wie es mit Will und Barb in der Schattenwelt aussieht: leben beide noch? Zumindest Will scheint ja recht sicher zu sein, bei Barb hat man nun schon etwas länger nichts mehr gehört. Wie genau ist die Schattenwelt organisiert? Gibt es dort mehrere Monster? Wird jemals geklärt. woher diese andere Welt kommt und was die Verbindung zur uns bekannten, vermeintlich "realen" Welt ist? Man darf gespannt sein.

Schön in dieser Episode war die Verknüpfung zwischen der plastischen Erklärung der Schattenwelt durch Mike bzw. Eleven, der Suche nach einem Zugang hierzu durch die beiden plus Dustin und Lucas und der eigentlichen Offenbarung der anderen Seite durch einen Charakter, dem man dies bisher kaum zugetraut hätte. Von der ersten bis zur letzten Minute wurde auf diese Enthüllung hingearbeitet und entsprechend stringent erzählt wirkt das Ganze auch. Insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass auch Hopper seine eigenen Nachforschungen anstellt, um seinerseits festzustellen, was zur Hölle hier denn eigentlich los ist. Die Eröffnungsszene mit Hopper ist großartig, weil sie ein "badass"-Moment nach den anderen zeigt und man sich als Zuschauer dabei ertappt, hier mit einem höchst imperfekten Charakter mitzufiebern, weil er der haushohe Underdog ist gegen eine in jeder Hinsicht mächtige Organisation. Wenn man dieser dann ein Schnippchen schlägt und nicht nur weitere wichtige Hinweise findet, die ihn letzten Endes zum ersehnten Ziel hinführen werden, sondern man sich auch von Rück- und Niederschlägen nicht von seinem Ziel abbringen lässt, dann ist diese Vehemenz und Bestimmtheit gerade in dieser Episode sehr erfrischend. An drei verschiedenen Stellen (Eleven plus die Jungs, Nancy plus Jonathan sowie Hopper) wird das Mysterium also näher beleuchtet. Leider ist aber so ziemlich alles andere in der Episode eher ermüdend vorhersehbar:

Natürlich trifft Nancy bei ihrem ersten Schuss mit der Pistole die Dose, natürlich tritt sie in der Schattenwelt auf den Ast, natürlich isoliert sich Eleven mit ihrer Aktion mit den Kompassen der Jungs, um ein retardierendes Moment einzuläuten, natürlich müssen die charakterlichen Unterschiede zwischen Jonathan und Nancy in einen Streit kulminieren, um sie zu trennen und gleichzeitig eine klärende Wirkung für eine mögliche spätere innigere Beziehung der beiden zu entfalten und natürlich sind Lonnies Motive alles andere als unschuldig und rein. Das mögen alles eher Kleinigkeiten sein, zeigen aber, dass die Autoren mit recht fauler Charakterzeichnung (Lonnie), billigen dramaturgischen Tricks (Eleven und ihre Verschlechterung der Beziehung zu den Jungs bzw. Nancys und Jonathans Streit) und generell der zu offensichtlichen Arbeit mit Klischees (Dose und Ast) versuchen, die Handlung der 1. Staffel auf 8 Episoden zu strecken.

Vielleicht ist eine Figur wie Lonnie durchaus wichtig für das Universum von "Stranger Things" und insbesondere Joyce und Jonathan, aber ein wenig mehr Mühe, ihn etwas facettenreicher zu schreiben, könnte man sich schon geben. Durch seine bisherige Charakterisierung hatte man bereits den Verdacht, dass er irgendwas im Schilde führt, durch Joyces Entdeckung, dass er nur daran interessiert ist, die Betreiberfirma des Steinbruchs, wird dies nun unnötigerweise bestätigt. Er ist nun wohl vorerst wieder (unfreiwillig) aus dem Leben der beiden verschwunden und so wirklich versteht man nicht, warum man allen Ernstes Zeit dafür aufwenden musste, Lonnies Eindimensionalität während der Trauerfeier kurz in Frage zu stellen, um sie anschließend dann doch zu bestätigen. Aber wer weiß, vielleicht gibt die Figur des Lonnie künftig ja noch mehr her und ihre Bedeutung wird gewichtiger. Stand jetzt ist das Handling von Lonnie durch die Autoren aber durchaus fragwürdig.

Eleven verkommt unterdessen nach ihrer einsilbigen Erklärung zur Schattenwelt zum großen Bremser und schickt mit ihren Kräften Mike, Dustin und Lucas auf die falsche Fährte bei der Suche nach dem Portal. Anhand von Flashbacks wird durchaus bewusst, woher ihre Angst kommt, aber wirklich neue Facetten erhält sie nicht. Klar, je mehr man Eleven sich (weiter-)entwickeln lässt, umso schneller schreitet die Handlung voran, da sie zweifelsohne der Schlüssel für die wichtigsten Enthüllungen ist. Und offensichtlich möchte man noch nicht, dass sie allzu viel zur Klärung beiträgt, weil man verständlicherweise Zeit aufbringen möchte, das Universum und die Charaktere, die es bevölkern, zu etablieren. Das ist auch alles in Ordnung, kann aber eben manchmal auch einfach frustrierend wirken, gerade wenn man versucht, künstlich Drama zwischen Eleven und den drei Jungs zu erzeugen, um das Voranschreiten so abzubremsen. Gerade Lucas kommt in der Betrachtung nicht allzu gut weg, da er von der ersten Minute an derjenige war, der Eleven am kritischsten betrachtete. Deswegen muss natürlich auch er entdecken, dass Eleven andere Ziele hat als die Jungs und natürlich muss er sich dann auch in seinem Misstrauen bestätigt fühlen, als Eleven ihn mit ihren Kräften nach hinten schleudert und kurzerhand bewusstlos macht. Deutlich spannender wäre gewesen, wenn man Lucas als Dauerzweifler Elevens Grund gegeben hätte, sein Misstrauen in Frage zu stellen. Aber nun hat sich seine Haltung ihr gegenüber erst einmal gefestigt, womit die weitere Charakterentwicklung auch hier eher ausgebremst wird.

Fazit

Zwei Schritte nach vorn, einen zurück - so könnte man 1.05 Kapitel 5: Der Floh und der Akrobat die Figur wohl am ehesten zusammenfassen. Die Entdeckungen von Hopper und insbesondere Nancy sorgen für eine elementar wichtige Weiterentwicklung der Storyline und sind daher der große Pluspunkt der Episode. Auf der anderen Seite merkt man nun aber wohl zum ersten Mal, dass mit etwas stringenterer Erzählung, weniger Klischees und nicht so stark ausgeprägter Vorhersehbarkeit das Ziel schneller erreichbar wäre, als bisher gedacht. Und das ist bei all der Vorfreude auf die kommende Episode und den Rest der 1. Staffel, der weitere Einblicke in dieses faszinierende Universum gewähren wird, dann doch ein wenig frustrierend.

Andreas K. - myFanbase


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