Bewertung: 7

Review: #16.21 Gute Miene, böses Spiel

Foto: Giacomo Gianniotti & Ellen Pompeo, Grey's Anatomy - Copyright: 2020 ABC Studios; ABC/Raymond Liu
Giacomo Gianniotti & Ellen Pompeo, Grey's Anatomy
© 2020 ABC Studios; ABC/Raymond Liu

Diese Folge war nie als Staffelfinale gedacht und das merkt man. Handlungsstränge wie das Love Triangle um Meredith, Andrew und Cormac werden nur vorsichtig fortgeführt, große Showdowns, die man bei Owen/ Teddy/ Tom vermuten könnte, bleiben im Prinzip aus und viele der Entwicklungen der anderen Hauptfiguren (Jo, Levi, Jackson) liegen komplett auf Eis. Und doch haben die Autor*innen um Krista Vernoff Glück im Unglück in dieser Coronakrise gehabt, denn manche Handlungsstränge schaffen es tatsächlich, ein Staffelfinale-Gefühl zu vermitteln.

Dazu gehört sicherlich die Storyline um Webber und dessen Rettung in dieser Episode. Zwar ist die endgültige Art, wie Webber gerettet wird, nicht sonderlich spannend, doch die Konzipierung dieses Handlungsstrangs funktioniert in vielerlei Hinsicht, da ein Großteil der Hauptfiguren involviert ist und jede*r seinen Teil dazu beiträgt, Webber zu retten oder aktiv an seinem Schicksal mitleidet. So haben wir eine Maggie, die offensichtlich noch stark beeinflusst vom Tod ihrer Mutter, sich von ihren Ängsten leiten lässt und sich, gemeinsam mit Catherine und Bailey, zunächst dem dynamischen Duo Meredith und Andrew in den Weg stellt, das sich nicht mit der Alzheimer-Diagnose abfinden will.

Die beiden sind die einzigen, die Tag und Nacht verbringen, um die richtige Diagnose zu finden, vergessen darüber alles und finden schlussendlich mit einer guten Prise Glück die Lösung, dass Richard durch seine künstliche Hüfte an einer Kobaltvergiftung leidet. Bestimmt ist dies insbesondere Andrews Engagement und seiner Intelligenz zu verdanken, doch es wird schließlich klar, dass Meredith, um Richard das Leben zu retten, sicherlich einige Warnsignale und Andrews manisches Verhalten zu lange ignoriert oder geduldet hat. Am Ende sehen wir einen Andrew, der offensichtlich an dem anderen Pol seiner bipolaren Störung, nämlich der Depression, angelangt ist und ohne Merediths Hilfe nicht länger vom Boden aufstehen kann. Obwohl ich anfangs große Zweifel gegenüber dieser Storyline hatte, hat sich Andrews Abwärtsspirale als große Stärke der letzten Folgen herausgestellt und ich bin sehr gespannt, wie man das in Staffel 17 fortsetzen wird. Zwar sind die romantischen Momente zwischen ihm und Meredith zuletzt ausgeblieben, doch Merediths Vertrauen in Andrew zeigt deutlich, dass hier noch das letzte Wörtchen gewechselt ist. Auch ist ihr Verhalten eigentlich selbsterklärend: Einen Drink mit Cormac lehnt sie mit der Ausrede ab, sie sei zu müde dafür, für Andrew lässt sie hingegen alles stehen und liegen und kümmert sich um ihn. Das ständig angeteaserte Love Triangle kann ich hier noch nicht ganz erkennen; Cormac und Meredith bleiben mir einfach viel zu deckungsgleich, als dass ich hier wirklich mitfiebern könnte.

Das große Familienglück bei den Webbers bleibt ebenfalls aus, denn in einer zunächst harmonisch anmutenden Szene mit Jackson und Maggie erteilt Richard, wieder im kompletten Besitz seiner geistigen Kräfte, Catherine eine Abfuhr. Das war natürlich abzusehen; trotz Catherines Beistand in den letzten Folgen und ihren Beteuerungen, Richard nicht wieder verlieren und für ihn da sein zu wollen, gehören zu einer Beziehung immer noch zwei und Richard steht in Sachen Stolz Catherine in nichts nach. Hier vermute ich, dass man in den eigentlich vorgesehenen vier Folgen tatsächlich eine Wiedervereinigung der beiden initiiert hätte, obwohl ich nach wie vor finde, dass man dieses Paar in dieser Staffel eher totgeschrieben hat. An dieser Stelle möchte ich allerdings noch die wunderbare Szene zwischen Catherine und Tom erwähnen, deren Freundschaft leider oft vergessen wird, aber auch zu solchen kleinen, intimen Momenten wie in dieser Episode führen kann.

Toms Affäre Teddy ist hingegen in den letzten Folgen zu dem fraglichen Ruhm gekommen, der zu Beginn dieser Staffel noch Bailey gegolten hat, indem sie nämlich eine Figur geworden ist, deren Verhaltensweisen nur noch nerven, wütend machen und irritieren und über die ich deswegen nicht ein Wort zu viel verlieren möchte. Zwar ärgere ich mich ebenfalls über Toms Verhalten, dennoch muss ich zugeben, dass dieser als Single einfach besser in der Sache wegkommt, da er schließlich einfach um seine große Liebe kämpfen will. Etwas klischeehaft fand ich auch, dass Owen schließlich über die Voicemail von Toms und Teddys Affäre erfahren hat. Dabei fand ich es allerdings spannend, wie Owen im OP nie die Kontrolle verloren hat und erst in der Abstellkammer seine Gefühle zuließ. Sein Zusammenbruch stellt sicherlich die herzzerreißendste Szene dieser Folge dar und beweist, was für ein großartiger Schauspieler Kevin McKidd eigentlich sein kann. Der Abbruch der Hochzeit war nur die logische Konsequenz, doch auch hier ist Owens Schweigen gegenüber Teddy hervorzuheben, das seine tiefe Verletzung ausdrückt. Nachdem ich mich sehr lange über diese Storyline geärgert habe und das vermutlich auch noch sehr lange tun werde, glaube ich nun, dass ihr größtes Potenzial in Owen und seiner Art, mit Teddys Untreue umzugehen, liegen könnte.

Das Highlight dieser Folge sind allerdings natürlich Amelia und Link, die eine der wenigen großen Stärken dieser Staffel darstellen und immer wieder für die emotionalsten, aber auch die witzigsten Szenen sorgen. Caterina Scorsones komödiantisches Timing ist einfach grandios und ich muss auch beim wiederholten Zusehen lauthals loslachen, wenn Amelia lapidar vor versammelter Mannschaft verkündet, dass ihre Fruchtblase geplatzt ist oder wenn sie kleinlaut zugibt, dass sie schon den ganzen Tag über Wehen hatte. Nicht viele Figuren haben das Glück so sehr verdient wie Amelia und ich habe einfach über beide Wangen gestrahlt, als Amelia schließlich Link ihren gemeinsamen Sohn vorstellt (Name tba, doch es wird laut Krista Vernoff offenbar nicht Derek werden). Die Kirsche auf der Sahnehaube stellte dabei auch sicherlich Bailey dar, die trotz ihrer Fehlgeburt den Club der Schwangeren nicht in Stich lassen will und in bester George O’Malley-Manier Amelia bei der Geburt zur Seite steht. Dadurch, dass Amelias Schwangerschaft schlussendlich die einzige Storyline ist, die in der Staffelpremiere begonnen und nun im Staffelfinale beendet wurde, wird damit auch ein Bogen geschlossen, was ebenfalls für ein Staffelfinal-Gefühl sorgt.

Kurze Eindrücke

  • Ich hoffe inständig, dass Maggies Geschichte mit Winston fortgesetzt wird und sich seine Hartnäckigkeit auszahlen wird. Maggie hat nach all den Jahren, in denen Kelly McCreary nun bereits Hauptdarstellerin ist, endlich mal eine großartige Liebesgeschichte verdient. Bei ihr hat sich übrigens auch ein ziemlich eindeutiger Schnittfehler eingeschlichen – für die letzte Szene wechselt sie einfach mal so eben ihre Frisur.
  • Bin ich der einzige, der sich auch eine Beziehung zwischen Cormac und Jo vorstellen könnte? Die beiden haben vor kurzem bereits bewiesen, dass sie harmonieren und auch in dieser Folge haben mir die beiden zusammengefallen.
  • Und mittlerweile hat Krista Vernoff auch die allgemeine Befürchtung bestätigt und zugegeben, dass sich in den nächsten Folgen von "Seattle Firefighters - Die jungen Helden" Hinweise auf die eigentlichen Ereignisse der nun gecancelten Folgen von "Grey's Anatomy - Die jungen Ärzte" befinden. Zwar bin ich zugegebenermaßen immer versuchter, "Seattle Firefighters" eine Chance zu geben, doch ich hoffe sehr, dass man die Dauercrossovers in Staffel 17 aufgeben wird. Alleine der unglückliche Zustand, dass durch Corona die zweite Hälfte dieser Crossover wegfallen, zeigt, dass diese bereits logistisch gesehen nicht wirklich gut geplant waren und man sich einfach hierbei komplett überschätzt hat. Durch die Crossover haben dazu viele Ereignisse der Mutterserie keinen Sinn mehr ergeben und Figuren wie Carina und Jackson scheinen nun eigentlich mehr zu "Seattle Firefighters" als zu "Grey's Anatomy" zu gehören.
  • Dazu rate ich jeder*m, sich die Interviews mit Krista Vernoff zum Staffelfinale durchzulesen, wie beispielsweise dieses hier. Was Vernoff dabei vor allem zum Ausstieg von Justin Chambers von sich gibt, zeigt deutlich, wie viel böses Blut hier zwischen den einzelnen Parteien herrschen muss. Kein Mitglied des Casts, mit Ausnahme von Ellen Pompeo, hat sich jemals wirklich zu dem Ausstieg geäußert. Mehr Details über Chambers' Entscheidung wären sicherlich hilfreich, um diese tatsächlich nachvollziehen zu können, doch ob wir diese jemals bekommen werden, ist mehr als fragwürdig. Die ganze Sache ist und bleibt sehr suspekt.


Fazit

Staffel 16 wird mir sicherlich als eine der schwächsten Staffeln der Serie in Erinnerung bleiben. Merediths Kampf gegen das Gesundheits-und Rechtssystem und das Pac North als Kontrast zum Grey + Sloan und als Versuch, ein Krankenhaus beim Aufbau zu begleiten, waren sicherlich Geschichten, die Potenzial hatten, welches aber völlig falsch und spannungsarm genutzt wurde. Dazu wurden sämtliche Liebesbeziehungen (mit Ausnahme von Amelia und Link) verkorkst, Woche für Woche mussten wir uns mit einem weiteren unnötigen Crossover mit "Seattle Firefighters" herumquälen und natürlich zählt auch der Ausstieg von Justin Chambers zu den Dingen, die Staffel 16 qualitativ heruntergezogen haben. Umso mehr macht es mich traurig, dass in den vergangenen Folgen ein Aufwärtstrend vollzogen wurde, der nun coronabedingt abbrechen muss und die Serie in eine unbestimmt lange Pause schickt. Staffel 17 hat allerdings nun das Potenzial, völlig frei von den Altlasten von Staffel 16 wieder vollends zu überzeugen und die Geschichten, die zum Ende hin am meisten Potenzial aufwiesen (DeLucas Bipolare Störung sei dabei vorneweg genannt), weiter auszubauen. Und sind wir mal ehrlich – es kann eigentlich nur besser werden, oder?

Lux H. - myFanbase

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