Bewertung: 2

Review: #16.16 Abschiedsbriefe

Foto: Ellen Pompeo, Grey's Anatomy - Copyright: 2020 ABC Studios; ABC/Gilles Mingasson
Ellen Pompeo, Grey's Anatomy
© 2020 ABC Studios; ABC/Gilles Mingasson

"This is wrong. This is crap. I hate this." Praktischerweise schreibt mir Alex in seinem Brief komplett aus der Seele. So fällt es mir tatsächlich nicht leicht, das, was ich hier gerade gesehen habe, in Worte zu fassen. Zu groß ist die Trauer, ist das Unverständnis. Aber versuchen wir es mal.

Es wurde im Vorherein viel spekuliert, wie man denn nun so schnell und kurzfristig auf Justin Chambers' Ausstieg aus der Serie reagieren sollte. Viele Theorien standen im Raum, manche wahrscheinlicher als andere, generell war aber klar, dass man diese Geschichte wohl nicht zufriedenstellend lösen kann. In Anbetracht der Umstände ist das gerade bei so einem zentralen Charakter wie Alex Karev natürlich schade, aber ich war bereit, hier auch mit einem etwas holprigen Ausstieg Frieden zu finden.

Aber die Auflösung, die man uns jetzt in #16.16 Leave A Light On geboten hat, war sowohl vom Inhalt als auch von der Machart her derart absurd und merkwürdig, dass ich bis zum Ende der Folge nur darauf gewartet habe, dass doch noch ein Plottwist kommt. Dass jemand anders die Briefe geschrieben hat. Dass Alex gelogen hat. Dass Alex doch irgendwelche psychischen Probleme entwickelt und sich die ganze Sache eingebildet hat. Irgendeine Erklärung, die diese Geschichte glaubwürdiger macht. Aber da kam nichts. Es bleibt also offiziell dabei: Alex lässt sein derzeitiges Leben hinter sich, um mit Izzie und ihren zwei gemeinsamen Kindern auf einem Bauernhof in Kansas zu leben, verträumt-idyllische Familienalltagsmomente inklusive.

Ich muss sagen, dass ich Alex und Izzie damals toll fand und schrecklich gerne gemocht habe. Nur ist hier eben die Betonung auf damals. Gut zehn Staffeln später fragt man sich dann doch, ob die Writer während all dieser Zeit in ein Geschichtenkoma verfallen sind, oder sich an Lösungsvorschlägen aus Fanfiktion der frühen 2010er Jahre bedient haben. Denn diese Geschichte war ja wohl an Kitsch nicht zu übertreffen. Die plötzlich existenten Kinder der beiden, die ja ach so toll sind und Alex von Minute eins an als Vater akzeptiert haben. Izzie, die nach wie vor begeistert backt, auf einem pittoresken Bauernhof lebt und noch nebenbei als Ärztin arbeitet. Die Liebe zwischen den beiden, die innerhalb weniger Wochen wohl aus einem Dornröschenschlaf erwacht ist und nun ebenso stark ist, wie Alex' Gefühle für Jo. Das ist doch alles Schwachsinn. Wenn in den letzten Jahren mal von Izzie die Rede war, dann war immer deutlich, dass Alex zwar noch gerne an sie zurückdenkt und da natürlich auch Gefühle im Spiel sind, aber das war's dann auch schon.

So wie man seinen Abschied dargestellt hat, war das einfach nur feige. Briefe, also wirklich. Noch dazu Briefe voller Entschuldigungen und Erklärungen, dass er sich nicht traut, seinen Freunden, seiner Familie nochmal vor die Augen zu treten und so etwas Essentielles mit ihnen persönlich zu besprechen. Da hatten wohl vor allem die Writer Angst, dass sie seine Entscheidung dann nicht mehr richtig begründen könnten. Tatsächlich kann ich hier Alex wirklich keine Schuld geben, weil diese Aktion einfach so dermaßen gegen seinen Charakter und gegen die Person, zu der er sich entwickelt hat, spricht, dass ich hier nicht in die Geschichte eintauchen kann, sondern das Ganze von oben herab als Skript der Writer betrachte. Denn eigentlich hätte man sich die letzten 10 Jahre mit Alex dann auch sparen können. Seinen langen und mühsamen Weg von Evil Spawn hin zu einem selbstständigen, erfolgreichen und einfach guten Mann, der sich um seine Freunde sorgt und in Jo gewissermaßen seine Seelenverwandte gefunden hat mit der er gerade wieder absolut glücklich ist. Und das alles wirft er nun einfach weg für eine Frau, die ihn vor vielen Jahren einfach so sitzen gelassen hat? Es tut mir leid, aber da helfen auch keine minutenlangen Zusammenschnitte von der großen Izzex-Love Story.

Alex darf jetzt also sein zuckersüßes Happyend haben. Und was bleibt zurück? Meredith, die auf einmal mal wieder ihre Person verloren hat und nun Zola erklären muss, warum Alex ihren Hundefütterautomaten wohl nicht mehr ansehen wird. Und natürlich Jo. Jo, die nun zu nicht viel mehr als einer Lückenbüßerin für Izzie degradiert wurde. Jo, die nach all den Jahren an Beziehungsproblemen und Verlassensängsten endlich ihr Glück gefunden hat, nur um jetzt per Brief auch gleich noch die Scheidungspapiere mitgeliefert zu bekommen. Und Jo, die trotz all dem nicht zusammenbricht, sondern aufsteht und weitermacht. Das war mit der stärkste Moment der Folge und ich freue mich sehr darüber, dass sie in Link zumindest eine Person hat, die noch absolut hinter ihr steht und für sie da ist. Dennoch ist die ganze Geschichte mindestens genau so unfair für Jo, wie sie es für Alex' Charakterentwicklung ist.

Es gab im Laufe der Serie schon viele bedeutende Charaktere, die verschwinden mussten. Nicht wenige davon mussten ebenfalls schnell aus der Serie geschrieben werden, ohne dass man dafür Zeit hatte, eine langdurchdachte Abschiedsstoryline erfinden zu können. Aprils und Callies Weggang. Dereks plötzlicher Unfalltod. Noch früher zurückliegend George, der vom Bus überfahren wurde. Man hat immer Möglichkeiten gefunden, einen nachvollziehbaren Rahmen zu finden. Am ehesten lässt sich Alex' Situation wohl mit Derek vergleichen: Er kann nicht einfach verschwinden, weil er noch Familie in der Stadt hat und es unlogisch wäre, plötzlich vom Erdboden zu verschwinden. Warum also nicht auch ein Serientod? Klar ist das traurig. Klar wäre es schade, dass Alex so kein wirklich glückliches Ende bekommt. Trotzdem wäre es ein Ende, mit dem wohl jeder gut hätte leben können.

Einen kleinen positiven Aspekt gab es in Form von Bailey und Ben, die sich nach einem kurzen Gespräch (wird aber auch Zeit) dafür entscheiden, Joey aufzunehmen. Schön für die beiden! Ähnlich berührend war auch Richards Ansprache bei seinem Meeting. Als die Flashbacks kamen, in denen man nur ihn gesehen hat, dachte ich schon kurz, dass er sich Alex gleich anschließt, aber davon bleiben wir wohl noch ein wenig verschont.

Fazit

Wie ich schon oft erwähnt habe, ist Alex mein Lieblingscharakter in der Serie. Es hat schon weh getan, als ich erfahren habe, dass Justin Chambers aussteigt. Aber diese charaktermordende Storyline, mit der sie ihn letztlich herausgeschrieben haben, ist noch viel schwerer auszuhalten. Schwer genug, als dass ich es so wie auch die letzten Wochen halten werde und diese Folge hier einfach verdränge: Alex Karev ist nach seiner heldenhaften Rettung von Meredith vor Gericht und während seiner glücklichen Ehe mit Jo einfach in ein schwarzes Loch gefallen. Puff und weg. "There is really no good way to say goodbye." Mit diesem Satz endet die Folge und es ist wahr: es gibt keinen guten Weg, sich zu verabschieden. Wohl aber den falschen und der wurde für mich hier heute definitiv beschritten.

Denise D. - myFanbase

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