Bewertung: 9

Review: #16.08 My Shot

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Mit dieser Folge hat "Grey's Anatomy - Die jungen Ärzte" ein weiteres Jubiläum erreicht: 350 Episoden. Eine unglaubliche Leistung betrachtet man den langen Weg, den die Serie und mit ihr die Charaktere und nicht zuletzt auch wir Fans, da zurückgelegt haben. Tatsächlich findet sich ein gewisser Widerhall, wenn man dieses Jubiläum mit dem der 300. Episode vergleicht. Während Meredith beim letzten Meilenstein der Serie einen Harper Avery Award zugesprochen bekam, bangt sie in #16.08 My Shot nun um ihre Lizenz als Ärztin. Und obwohl es in der Folge essentiell um Merediths Zukunft geht, sind es auch die Charaktere um sie herum, die hervorstechen können. Trotz eines Themas, das auf den ersten Blick das genaue Gegenteil vermuten lässt, war diese Folge vor allem eines: eine Liebeserklärung an diese komplexe Protagonistin, die man seit der ersten Folge begleitet hat.

Bailey und Webber

Gemeinsam mit Meredith und Alex gehören Bailey und Richard noch zum Cast der ersten Stunde und dementsprechend bedeutend ist auch ihre Rolle in Merediths Leben. Sie haben sie über die Jahre hinweg als Mentoren, als Vorgesetzte, als Kollegen, als Freunde, als Familie begleitet. Dabei stehen sie zu Beginn der Anhörung auf komplett gegensätzlichen Seiten, wobei sie sich da mehr von ihren Gefühlen als von Fakten leiten lassen.

Es war in der vergangenen Zeit nicht leicht, auf Baileys Seite zu stehen. Tatsächlich hat sie es erst in den letzten paar Episoden geschafft, wieder Pluspunkte bei mir zu sammeln. Zu egoistisch, zu grässlich war ihr Verhalten in der ganzen Meredith-Affäre. Verletzte Gefühle und schlechte Entscheidungen beiseite, ihre Reaktionen waren einfach unangemessen und unprofessionell. Trotzdem war ich entsetzt darüber, wie gnadenlos ihre erste Befragung ablief. Es war fast so, als wäre Meredith eine Fremde, so emotionslos hat Bailey die Fragen des Gremiums beantwortet und dabei nicht einmal versucht, Meredith in ein etwas besseres Licht zu rücken. Da hatte ich schon befürchtet, dass Bailey hier ihren bisherigen Weg weitergehen und bei Meredith komplett auf stur schalten wird.

Bei Richard wiederum gab es wenig Überraschungen. Er steht auf Merediths Seite, komme was wolle. Auch wenn er dafür mal eben ihren Betrug bei der Alzheimerstudie auf sich nimmt, um Meredith nicht noch ein weiteres Vergehen anzulasten. Interessanterweise erfahren wir dabei auch ganz am Rande, dass Meredith nur durch Richards Wirken überhaupt erst ans Seattle Grace Hospital gekommen ist.

Kein Wunder, dass die beiden es schwer hatten, aufeinander zuzugehen. Doch Richard und Bailey haben selbst eine ganz besondere Mentorenverbindung, auch wenn man davon in letzter Zeit durch diese leidige Geschichte wenig mitbekommen hat. Umso bedeutungsvoller und vor allem umso nötiger war hier also die Aussprache der beiden, die so auf ihre jeweiligen Positionen beharrt haben, dass sie die Vernunft teilweise zurückgelassen haben. In ihrem Gespräch werden gerade auch bei Bailey die Gefühle hinter den drastischen Reaktionen offenbart, ihre tiefe Verletzung darüber, dass Richard sich immer wieder für Meredith entscheidet, egal, was für schlechte Entscheidungen die auch trifft. Darüber, dass er sie immer rettet, egal, was das für ihn bedeutet. Sie hat da durchaus Recht mit ihrer Aussage, dass das nur noch wenig mit einem Mentor zu tun hat, der eben auch Konsequenzen aufzeigen sollte, anstatt seine Schützlinge mit allem durchlassen zu kommen. Nur ist Meredith eben mehr als nur eine Ärztin für ihn, sie ist Familie und für die wäre er bereit, alles zu tun. Genau das ist es wohl, was Bailey letztlich erkennen lässt, dass sie hier zu weit geht. Schließlich ist es ja auch nicht so, als hätte sie in der Vergangenheit nicht auch schon einige illegale Dinge getan, um das richtige zu tun. Und so ist sie es, die gewissermaßen das Abschlussplädoyer für Meredith Grey hält. Das hatte es in sich, war absolut ehrlich und authentisch und hat wieder die Bailey von früher gezeigt, die sich für ihre Kollegen voll eingesetzt hat. Zurecht bleibt sie dabei, dass Meredith einige Regeln gebrochen hat und steht auch zu ihrer Entscheidung, sie gefeuert zu haben. All das war meiner Meinung nach auch absolut gerechtfertigt. Doch am Ende des Tages geht es hier um Merediths medizinische Zukunft und sie ist schlicht und ergreifend zu gut, um so ein Talent zu verschwenden. So machen die Regelverstöße zur richtigen Zeit Meredith genauso aus, wie ihre begnadeten Operationen und ihre schier unglaubliche Willensstärke trotz all der Dinge, die ihr im Laufe ihres Lebens widerfahren sind.

Diese leidenschaftliche Rede wurde dann noch davon getoppt, dass Bailey endlich über ihren Schatten springt, das Gespräch mit Meredith sucht und offiziell das Kriegsbeil begräbt. Ohne großes Trara und trotzdem mit einem überraschend ehrlichen "I need you" darf Meredith wieder zurück ans Krankenhaus und es hat mich sehr gefreut, dass daraus keine allzu große Sache gemacht wurde. Beide Frauen haben ihre Differenzen hinter sich gelassen und können sich über ihre Versöhnung freuen. Merediths gewonnener Prozess hin oder her, das war für mich eigentlich der wichtigere Punkt dieser Folge.

Andrew

So gern ich Meredith und Andrew auch zusammen sehe – die Szenen heute waren einfach überfällig. Nachdem wir Zuschauer Merediths Zurückhaltung und Unsicherheit gegenüber Andrew jetzt schon länger verfolgen konnten, wird dem das erst so richtig im Laufe des Gremiums bewusst. Hut ab an Andrew, der sofort den Mut aufgebracht hat, dieses Problem direkt anzusprechen und das noch dazu auf unglaublich erwachsene Art und Weise. Viele wären einfach eifersüchtig auf Derek gewesen oder wütend auf Meredith, doch Andrew weiß, worauf er sich eingelassen hat. Er bleibt offen und ehrlich und hätte eigentlich gar nicht sagen müssen, wie viel ihm Meredith bedeutet – das ist offensichtlich. Nur sind Liebe und Respekt eben zwei Dinge und während Meredith Andrew sicherlich liebt, ist die Sache mit dem Respekt noch etwas ganz anderes. Trotzdem trennt sich Andrew nicht von ihr, sondern gibt ihr Zeit, sich darüber klar zu werden, was sie fühlt. Erneut alle Achtung an ihn dafür, Meredith an dieser Stelle nicht zu einer Antwort zu nötigen, sondern abzuwarten. So bleiben natürlich auch wir in der Schwebe. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass das nicht das Ende von Merluca war.

Alex

Alex hatte in dieser Folge tatsächlich eher die Rolle als Mann im Hintergrund, der den alles entscheidenden Schachzug mit den alte Patienten von Meredith bringt. Das war natürlich ein unglaublich bewegender und fantastisch umgesetzter Moment, als sich der Raum plötzlich mit so vielen Menschen füllt, denen Meredith Grey das Leben gerettet hat. Gleichzeitig war es eine kleine Reise in die Vergangenheit, wie es auch schon während den Vernehmungen der Fall war. Wir bekommen den Rettungswagenfahrer zu sehen und natürlich auch Katie. Ich muss gestehen, für einen kurzen Augenblick hatte ich gehofft, dass wir vielleicht einen Hauptdarsteller von früher zu sehen bekommen, aber leider belässt man es bei den Briefen von altbekannten Gesichtern. Allen vorweg natürlich Cristina (wer sonst?), die Meredith aufrichtig in höchsten Tönen lobt und dabei auch wieder das legendäre "She is the sun" fallen lässt, das sie Meredith damals vor ihrem Weggang als Rat für ihre kriselnde Beziehung für Derek gegeben hat. Ein kleines, aber schönes Detail. Die anderen, darunter Callie, Arizona, April und Addison werden zwar nicht näher behandelt, doch es ist nichtsdestotrotz schön zu sehen, dass sie sofort bereit waren, Meredith zur Seite zu stehen.

Was sonst noch so los war:

  • Maggie und Jackson, das ist so ein Thema für sich. Es hat über weite Teile der Folge so vielversprechend ausgesehen. Maggie, die verständlicherweise immer noch mit dem Verlust ihrer Cousine zu kämpfen hat. Jackson, der ausnahmsweise mal nicht ekelhaft, sondern sehr umsichtig mit ihr ist. Ihre geteilte Sorge über Richard und Catherine. Ihr zunächst idyllisches Zusammensitzen. Und natürlich muss das dann gleich wieder mit diesem merkwürdigen Fast-Kuss zerstört werden. Kann man es bei den beiden denn nicht einfach gut sein lassen? Es sollte nicht funktionieren, also belasst es doch dabei, anstatt allen Fortschritt jetzt wieder komplett zu torpedieren.
  • Inwieweit der Charakter Castello (und vor allem dessen chaotisches Ende) jetzt nötig war, naja so ganz ohne aktives Drama und Krankenhausszenen kommt die Serie eben nicht aus. Trotzdem hat er für einen von Ellen Pompeo absolut genial gespielten Gefühlsausbruch bei Meredith gesorgt, der das Ganze dann schon fast wieder Wert gemacht hat.
  • Im Gegensatz dazu gab es wieder sehr nette Szenen zwischen Link und Amelia, die weiterhin super miteinander harmonieren. Dabei lässt sich Link auch nicht von Amelias (zugegebenerweise nachvollziehbaren) fiesen Gedanken über den Arzt, der Derek auf dem Gewissen hat, einschüchtern, sondern steht ihr einfach bei, ohne über sie zu urteilen. Nachdem Castello aber zusätzlich zu seiner Vorgeschichte alles andere als sympathisch war, musste ich auch herzlich über Amelias doch leicht unangebrachte Freude über dessen Ableben lachen.
  • Umso unschöner scheint die Zukunft für Levi auszusehen, nachdem herausgekommen ist, dass er Meredith (unwissentlich!) bei Bailey verpetzt hat. Das ist einfach schrecklich gemein, nachdem es ein Versehen war und er eigentlich nur seinen Job gemacht hat, was die meisten wohl genauso getan hätten. Ich hoffe, dass das zumindest bedeutet, dass wir in Zukunft mehr von ihm (und Nico ??) zu sehen bekommen werden.
  • Ein kurzer Vermerk geht auch noch an den Soundtrack raus: "Where Does the Good Go", einer der klassischen "Grey's"-Songs läuft während der zentralen Szene mit Merediths Rettung und als Cristinas Brief vorgelesen wird. Der Song kam unter anderem schon und als Meredith und Cristina zum Abschied gemeinsam tanzen.


Fazit

Erneut schafft es "Grey's Anatomy" eine beeindruckende Jubiläumsfolge auf die Beine zu stellen, die starke Charakterszenen mit Erinnerungen an frühere Momente verknüpft. Passend zu dieser Gelegenheit wird der erste zentrale Storyarc der Staffel mit Merediths beruflichen Problemen beendet und ihre zerrüttete Beziehung mit Bailey gekittet. Gleichzeitig ist Merediths Sieg aber nicht zu einfach und wird von Problemen in ihrer Beziehung mit Andrew begleitet, die endlich direkt angesprochen werden. Alles in allem war das eine Episode, die Meredith und ihre Beziehungen mit den Charakteren um sie herum ins Zentrum gestellt hat. Man hat wieder deutlich gemerkt, dass das Herz und die Seele der Serie nun eben diese hochwertige Charakterarbeit ist. Und siehe da, es läuft wieder rund, sobald die wieder zu ihrer eigentlichen Persönlichkeit zurückfinden.

Denise D. - myFanbase

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