No Tomorrow - Review des Piloten

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Man nehme eine bekanntes Grundrezept aus Film und Fernsehen, variiere dieses mit einer leicht absurden Prämisse, mixe dazu ein charmant harmonierendes Pärchen, schmecke es mit ein paar skurrilen Nebencharakteren ab, gebe eine ordentliche Portion Humor hinzu, rühre etwas moderne Optik hinzu und fertig ist die neue Romantic-Comedy (Rom-Com) mit Geling-Garantie für Zwischendurch.

So ungefähr könnten sich das die "Jane the Virgin" Schöpferin Corinne Brinkerhoff und ihr Team für ihre neueste Serienschöpfung ausgedacht oder besser von einem brasilianischen Serienformat abgewandelt haben. Der Serienkritiker wird die Zutaten im Folgenden etwas genauer unter die Lupe nehmen und die Gourmetsterne ganz am Ende abgeben.

Bekannte Mixtur mit neuem Dreh

Per se ist es ja nun nicht mehr ganz neu, die Abarbeitung einer von Protagonisten erstellten Liste in den Mittelpunkt einer Film- oder Serienhandlung zu stellen. "The Bucket List – Das Beste kommt zum Schluss“, "My Name Is Earl", aber auch "The Blacklist" oder "Revenge" (zumindest zu Serienbeginn) haben es vorgemacht. Diese beispielhafte Auswahl zeigt jedoch bereits auf, dass in allen Formaten zwar eine Liste abgearbeitet wird, sich aber alle dennoch voneinander unterscheiden. Einige haben den herannahenden Tod als Auslöser für die Erstellung dieser Listen zum Thema, der auch in "No Tomorrow" als Anlassgeber zum Einsatz kommt. Der Twist liegt hier jedoch darin, dass dieser nicht einer Krankheit geschuldet ist (ok, in Evies Fall vielleicht ein wenig), sondern der zunächst einmal abstrus erscheinenden Überzeugung Xaviers ("Xavier with an X"), dass in genau acht Monaten und zwölf Tagen ein Asteroid die Welt zerstören wird. Daher will er noch vor der Apokalypse eine vom ihm erstellte Liste mit Dingen erledigen, die er „Apoca-List“ getauft hat. Klingt total bescheuert? Das dachte ich mir anfangs auch, aber warum kann es nicht auch genau so sein? Warum sollte man tatsächlich die gesamte Menschheit vor etwas warnen, was sich nicht aufhalten lässt (es sei denn, man hat das Team aus "Armageddon" zur Verfügung) und nur zu Panik führt. Und zugegebenermaßen lässt sich eine solche Prämisse im Rahmen einer fiktiven TV-Serie auch gleich viel leichter akzeptieren. Außerdem ist auch gerade diese groteske Idee eine perfekte Ausgangslage für eine humorvolle Rom-Com.

Ein charmant harmonierendes Duo

Auf den ersten Blick sind Evie und Xavier natürlich schon rein optisch eine hübsch anzusehende Paarung. Schon bei ihrer ersten Begegnung auf dem Wochenmarkt springt beim ersten Blickkontakt bereits der zündende Funke über und die Chemie zwischen den beiden funktioniert für mich auf Anhieb. Auf den zweiten Blick, eben beim genaueren Hinsehen, sind beide aber auch ganz grundsätzlich verschiedene Charaktere mit konträren Eigenschaften. Evie ist die etwas langweilige und biedere Angestellte eines Online-Versandhändlers mit enger Beziehung zu ihrer Familie und einem nerdigen, aber ebenfalls langweiligen Freund. Ein aufregendes und spannendes Leben sieht anders aus. Auf der anderen Seite haben wir Xavier, den Freigeist, ein Mann, der befreit in den Tag hinein lebt, ein schräger Typ in Sachen Style und Lebensauffassung. Aber wie der Volksmund schon sagt: Gegensätze ziehen sich an und das gilt für die beiden schon beim ersten Aufeinandertreffen und setzt sich in den weiteren, gemeinsamen Szenen nicht nur fort, sondern verstärkt sich mit zunehmender Dauer immer mehr. Insbesondere Evie ist sich der Unterschiede zwar bewusst, kann sich der Anziehung und der Unbefangenheit Xaviers aber nicht entziehen, während sie für ihn eine Mischung aus Flirt und Spiel zu sein scheint, aber zugleich die Liebe auf den ersten Blick. Es lässt sich also festhalten: zwei auf ihre Art und Weise charmante Typen harmonieren von Beginn an. Das spricht für ein gelungenes Casting, schließlich kann eine Rom-Com ohne funkensprühendes Pärchen einfach nicht funktionieren.

Skurrile Nebenfiguren

Damit sich aber nicht alles allein auf Evie und Xavier konzentriert, hat man auch noch jede Menge mehr oder weniger skurrile Nebencharaktere kreiert, die durchaus Potential für witzige Geschichten bergen. Dabei finde ich persönlich Evies Arbeitskollegen vielversprechender als ihre Familie (oh, Ted McGinley habe ich aber lange nicht gesehen), die zumindest in der Pilotfolge für mich nur den personalisierten Grund liefert, warum Evie so ist, wie sie ist. Naivität gepaart mit Freundlichkeit und einer gehörigen Portion Konservatismus, wenn ich da allein an die Vorstellung der Ehe denke. Es kann doch nicht wirklich ernsthaft gewollt sein, die eigene Tochter an der Seite eines nerdigen und kaum wahrnehm- und vor allem hörbaren Ehemannes sehen zu wollen? Die Idee, der Untertitelung der von Timothy fast lautlos gesprochenen Worte ist aber tatsächlich einen Lacher wert und nutzt sich zukünftig hoffentlich ähnlich wenig ab, wie Bricks Flüstern in "The Middle". Ich glaube auch nicht daran, dass er sein Vorhaben durchalten wird, nicht als Trostpflaster für Evie zur Verfügung stehen zu wollen, sollte die Beziehung zu Xavier scheitern. Da es offenbar eine freundschaftliche Verbindung zu Evies Bürokollegen Hank gibt, haben wir Timothy bestimmt nicht zum letzten Mal gesehen. Witzig könnte es auch noch mit Hank werden, wenn Evie auf oberste Anweisung ihr Glück versuchen muss, diesen mit ihrer von Mundgeruch geplagten, tyrannischen Chefin Deirdre zu verkuppeln. Auf den ersten Blick erscheint das ein hoffnungsloses Unterfangen, was aber allein in der so unterschiedlichen Erscheinung der beiden Figuren sicher noch zu zahlreichen komischen Situationen führen wird. Das könnte ein weiterer Running Gag der Serie werden. Skeptisch bin ich allerdings noch bei Xaviers Cousin Jesse, den wir zum Folgenende präsentiert bekamen. Seine Flucht aus dem Gefängnis ist schon eine Sache, die man unter dem Aspekt der strapazierten Glaubwürdigkeit schlucken muss. Andererseits scheint "No Tomorrow" aber gerade von solchen Situationen und Ereignissen zu leben und könnte auch im weiteren Verlauf den Charme der Serie ausmachen. Im ersten Moment war mir Jesses fast schon schizophren wirkender Auftritt aber eine Spur zu aufgesetzt. Die kleinen Macken der anderen Charaktere fühlten sich nicht nur runder und natürlicher, sondern auch liebenswerter und sympathischer an.

Unnötiges Gimmick

Völlig unnötig ist für mich allerdings die Einblendung von SMS-Chats und ähnlicher technischer Spielereien. Das mag bei "Sherlock" noch innovativ gewesen sein, inzwischen ist das aber nun wahrlich keine neue Errungenschaft mehr und hat in meinen Augen auch keinen wirklichen Mehrwert. Im Gegenteil empfand ich das eigentlich eher als irritierend und störend. Mal sehen, wie sehr dieses Stilelement zukünftig noch strapaziert wird oder ob es sich um eine Spielerei handelt, die nach der Pilotfolge bereits wieder Geschichte ist.

Und wie schmeckt das Ganze nun?

Der Pilot macht auf Anhieb Vieles richtig. Die Einführung der Figuren ist kurz und knackig, die wesentlichen Charaktereigenschaften eines jeden wurden bereits herausgearbeitet. Und ganz wichtig: die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern Tori Anderson und Joshua Sasse (Warum hab ich damals eigentlich nicht schon in "Galavant" reingeschaut?) stimmt. Erfrischend finde ich auch, dass die Serie gar nicht erst versucht sich selbst allzu ernst zu nehmen und so ist von Anfang an klar, dass hier der Feel-Good-Charakter im Mittelpunkt steht und der dramatische Part stets von einer gehörigen Portion Humor konterkariert wird. Erfreulich ist dabei außerdem, dass man sich trotz des hohen Comedy-Anteils nicht auf den üblichen Halbstünder konzentriert, sondern sich die Zeit für ein (mit Werbung) einstündiges Format nimmt. Das ist für das Genre doch recht selten der Fall und ich bin der Überzeugung, dass dies auch in Zukunft nicht zu Längen innerhalb einer Folge werden wird. Einziger Kritikpunkt in der Auftaktfolge ist in diesem Zusammenhang eventuell noch Evies Karaoke-Auftritt in der Bar, der mir erstens viel zu lang und zweitens auch zu "schon x-mal in dieser Art und Weise gesehen" geriet. Gespannt bin ich jetzt, inwiefern man sich nun starr an das Abarbeiten der "Apoca-List" klammern wird oder ob dies im zunehmenden Serienverlauf lediglich als Aufhänger zugunsten einer fortlaufenden Handlung und Charakterentwicklung genutzt und damit in den Hintergrund rücken wird. So scheint es ja offenbar in der Beziehung von Xavier zu seinem Vater noch Konflikte zu geben, da er ein Vater-Sohn-Gespräch zwar auf der Liste notiert hat, dieses jedoch für den Moment zurückstellt. Erlebnisse wie die schließlich umgesetzte Buggy-Fahrt im Gelände wären jetzt zumindest für mich keine, die mich auf Dauer bei der Stange halten würden. Das funktionierte als Exposition zum Auftakt zwar durchaus gut, aber hat nachhaltig zu wenig Substanz. Dass man es mit der Glaubwürdigkeit in der Umsetzung nicht zu genau nehmen darf, ist auch an Evies viel zu schneller Genesung nach ihrer Operation zu sehen. Nach einem solch schweren Eingriff, kommt man so schnell wohl nicht wieder auf die Beine. Da allein Evie das Bindeglied zwischen Xavier und dem Workplace Teil der Serie ist, ist momentan auch noch abzuwarten, ob dieser Spagat in Zukunft weiter gelingt. Damit hatten auch schon andere Serien so ihre Probleme. Ich denke da beispielsweise zuletzt an Matthew Perrys "Go On". Man wird also abwarten müssen, inwiefern Xavier auch eine Rolle im Arbeitsumfeld oder zumindest im Zusammenspiel mit Evies Kollegen finden wird.

Fazit

"No Tomorrow" erfindet sich in seiner Prämisse zwar nicht neu, bietet aber bereits in Folge eins eine charmant humorvolle Romantic Comedy mit einem bezaubernden Pärchen, skurrilen Nebenfiguren und einer Portion Absurdität, bei der das Zuschauen einfach Spaß macht und 40 Minuten wie im Flug vergehen. Natürlich ist das keine allzu anspruchsvolle Serienkost, das will die Serie aber auch gar nicht sein. Wenn jetzt nicht in den kommenden Folgen nur stur und stereotyp die "Apoca-List" abgearbeitet, sondern auch wert auf eine Charakter- und Story-Entwicklung gelegt wird, dann werden das kurzweilige und vergnügliche Dienstagabende. Für dieses Serienmenü gibt es sieben Sterne.

Jan H. - myFanbase

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