Bewertung: 8
Sawyer, Robert J.

Flash

Was wäre, wenn wir alle für einen kurzen Moment in unsere Zukunft blicken könnten?

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Inhalt

Am 21. April 2009 führen Physiker in Genf ein Experiment durch, das völlig unerwartete Folgen hat: auf der ganzen Welt verlieren alle Menschen für zwei Minuten das Bewusstsein und blicken über 20 Jahre in die Zukunft. Während die verantwortlichen Wissenschaftler um den Kanadier Lloyd Simcoe zu ergründen versuchen, wie es zu diesem Ereignis kommen konnte, müssen sich die Menschen mit den Folgen des "Flashforward", wie der Zwischenfall genannt wird, auseinandersetzen. So versucht Lloyds junger Kollege Theo herauszufinden, warum er in zwei Jahrzehnten nicht mehr am Leben sein wird – und wie er den Lauf der Geschichte ändern kann.

Kritik

Dass die Film - und Fernsehindustrie in einem Konkurrenzverhältnis zur Literatur steht und dem Büchermarkt viele Kunden abspenstig macht, die sich lieber vor den Flimmerkasten werfen, als ein Buch zu lesen, mag grundsätzlich stimmen, doch es geht auch anders. Als der US-Sender ABC im Frühjahr 2009 bekannt gegeben hat, eine Serie namens "FlashForward" zu produzieren, die auf dem gleichnamigen Roman von Robert J. Sawyer basiert, bin ich neugierig geworden. Bis dahin hatte ich noch nie etwas von dem kanadischen Autor und seinen Werken gehört. Da das Konzept interessant klang, habe ich mir schließlich das Buch besorgt, das mir ohne den Fernsehsender ABC zweifellos niemals unter all den Milliarden Büchern der Welt aufgefallen wäre.

Der Roman von Robert J. Sawyer, der in Deutschland einfach nur "Flash" heißt, vermutlich als Sparmaßnahme, weil die Übersetzer pro Wort bezahlt werden und sicher nicht, weil den deutschen Lesern nicht zugetraut wird, diesen bekannten englischen Begriff für Vorausblende zu kennen, ist in drei Abschnitte unterteilt. Der erste Abschnitt handelt von dem Flashforward und den ersten Tagen danach. Die Menschen verlieren für zwei Minuten das Bewusstsein und blicken exakt 21 Jahre, sechs Monate, zwei Tage und zwei Stunden in die Zukunft. Für zwei Minuten sehen sie die Welt durch die Augen ihres zukünftigen Ichs und erleben die Dinge, die ihr 21 Jahre älteres Selbst in dem Moment macht, ohne Einfluss darauf nehmen zu können. Einige Menschen sehen in ihrer Vision gerade einen Fernsehbericht oder lesen die Zeitung vom 23. Oktober 2030, andere sind beim Einkaufen, benutzen technische Errungenschaften, die es in der Gegenwart noch gar nicht gibt, oder sprechen mit einer Person, die sie 2009 noch gar nicht kennen.

Wie erwartet, erweist sich dieses Konzept als ungeheuer faszinierend. Der erste Abschnitt des Romans ist wirklich ausgesprochen interessant. Jede einzelne Vision ist ein winziger Stein im gigantischen Mosaikbild des Jahres 2030. Die Menschen beginnen sich auszutauschen und ihre Visionen zusammenzufügen, um die Zukunft zu verstehen. Durch in die Handlung eingeschobene Zeitungsartikel, Briefe, Emails und Interneteinträge aus aller Welt erhalten auch die Leser viele Einblicke und erfahren von persönlichen Schicksalen, die mal humorvoll, mal tragisch und mal rührend sind.

Wie sich so ein Mosaik im kleinen Rahmen zusammensetzt, erleben wir durch die Figur des Theo. Der junge griechische Physiker hatte keine Vision und begreift auch, warum nicht: er ist in 21 Jahren, sechs Monaten, zwei Tagen und zwei Stunden nicht mehr am Leben. Er beginnt nachzuforschen, reist um die Welt und sucht mehrere Personen auf, die Visionen hatten, in denen sein Tod eine Rolle spielte, um herauszufinden, was mit ihm geschehen wird. Er wird ermordet, doch von wem und wieso? Sawyer bietet hier eine ungewöhnliche kleine Kriminalgeschichte, die auch mit feiner Ironie glänzt.

Im zweiten Abschnitt des Romans steht vor allem die Frage im Vordergrund, ob sich die Zukunft verändern lässt. Wird sich alles, was die Menschen gesehen haben, definitiv bewahrheiten, ohne das sie es verhindern können, oder vermögen sie jetzt, da sie wissen, was geschehen wird, den Lauf der Geschichte zu ändern? Kann Theo seine Ermordung verhindern? Es werden viele Theorien von Philosophen und Wissenschaftlern diskutiert, ohne dass es für den Leser dröge wird, zumal auch auf Sci-Fi-Autoren eingegangen wird. In einer so ungewöhnlichen Situation, wie die Welt durch den Flashforward geraten ist, können nicht mehr nur Lehrbücher helfen, die so ein Phänomen schließlich nie für möglich gehalten hätten. So werden viele Theorien und Prozeduren, die nach dem Flashforward entstehen, von den Forschern auch mit literarischen und filmhistorischen Namen belegt.

"Flash (Forward)" ließe sich also als sehr guten Roman bezeichnen, wäre da nicht der dritte Abschnitt, der im Jahr 2030 spielt. Dieser ist sicherlich kein totaler Reinfall, aber doch irgendwie enttäuschend. Es wirkt ein wenig, als sei Robert J. Sawyer zum Ende hin die Inspiration ausgegangen. Er tüftelt noch ein bisschen mit Sci-Fi-Vorstellungen herum, doch das Ganze wirkt nicht mehr so ausgeglichen wie in den ersten beiden Abschnitten, sondern mal übertrieben und mal ein wenig halbherzig. Schade.

Zum Abschluss noch der Hinweis, dass dieser Roman zwar im Jahr 2009 spielt und in Deutschland erstmals 2008 erschienen ist, aber schon 1999 geschrieben wurde. An ein paar Stellen merkt man durch Details, dass sich die zehn Jahre alte Vorstellung Sawyers von 2009 etwas von dem wirklichen 2009 unterscheidet, auch wenn in der deutschen Übersetzung einiges ausgeglichen wurde (so ist von Papst Benedikt den 16. die Rede; 1999 wusste Sawyer natürlich nicht, wer 2009 Papst sein würde, die Übersetzer 2008 aber schon). Das aber nur am Rande.

Fazit

"Flash", mit oder ohne "Forward", verpasst durch ein weniger gelungenen dritten Abschnitt den Sprung zu einem großartigen Roman, ist aber dennoch ein sehr faszinierendes und interessantes Werk, das neugierig auf die Fernsehserie macht.

Maret Hosemann - myFanbase
02.07.2009

Diskussion zu diesem Buch

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