Bewertung: 8

Review: #1.07 Schicksalsschläge

Ärzte haben nicht nur eine große Verantwortung gegenüber ihren Patienten, sondern müssen sich auch an Richtlinien und Gesetze halten, bei denen es oftmals nicht ausbleibt, dass man seine persönlichen Gefühle miteinbringt und sich dadurch auf einem sehr schmalen Grat befindet. Mit #1.07 Schicksalsschläge stellt man vor allem Sharon Goodwin in den Vordergrund und sorgt dafür, dass der Zuschauer einen tieferen Einblick in ihr Inneres bekommt.

Leben vs. Vorschriften

Obwohl es bis jetzt schon den ein oder anderen Fall gab, bei dem sich das Krankenhauspersonal am Rande der Einhaltung von Vorschriften befand, ist es diesmal noch etwas anders. Grund dafür ist vor allem, dass es sich dieses Mal um die Verwaltungschefin vom Krankenhaus handelt. Denn sie ist es, die eigentlich dafür verantwortlich ist, dass ihr Team sich an die Vorschriften hält, weil sie letztlich bei Missachtung den Kopf hinhalten muss. Jetzt ist es aber so, dass auch Ärzte und Verwaltungschefinnen nur Menschen mit einem Herzen und Mitgefühl sind. Besonders prägend ist es dann auch, wenn man ein Mädchen bereits seit zehn Jahren kennt, dass immer wieder ins Krankenhaus eingeliefert wird, da es immer wieder Infektionen erleidet, die behandelt werden müssen.

Dazu kommt eben noch, dass das Mädchen eine Knochenmarkspende benötigt. Und gerade weil es bei einer Krankenhausserie nicht ohne Drama geht, wird hier auch eins eingeführt und dies erweicht einem das Herz! So ziemlich jedem ist wohl bewusst, dass eine Spende anonym geschieht. Einfach damit es nicht zu solchen Missverständnissen kommt, dass die spendende Person (oder bei einer nicht lebenden Spende die Angehörigen) entschädigt wird. Interessant bei dem Fall ist auch, dass man sich nicht darüber einig ist, ob es sich bei einer Knochenmarkspende tatsächlich um eine Spende handelt, die vergleichbar mit einem Herzen ist oder eben doch mehr einer Blutspende gleichkommt. Doch ich finde, das spielt nur am Rande eine Rolle. Wie schon gesagt, steht Sharon ganz klar im Mittelpunkt und mir gefällt das ziemlich gut. Obwohl sie schon mehrfach bewiesen hat, dass sie für den Posten der Verwaltungschefin bestens geeignet ist, zeigt sich mit dieser Folge auch, dass sie nicht nur hinter ihrem Team steht, sondern auch zu ihren eigenen und persönlichen Entscheidungen, die in dem Fall vor allem die Patientin und deren Familie betrifft.

Zudem kann man Sharons Reaktion durchaus nachvollziehen, nachdem sie erfahren hat, dass sie oder das Krankenhaus aufgrund ihrer Entscheidung nicht belangt wird. Auf der einen Seite ist das natürlich erfreulich, gerade weil man nach der Spende sowieso nichts mehr rückgängig machen kann. Auf der anderen Seite sehe ich es ähnlich wie Sharon: Es muss wirklich fast ein Kind sterben, nur weil dem Vorstand anscheinend Regeln viel wichtiger sind, als ein Menschenleben zu retten. Dabei ist ein Krankenhaus und das Personal genau dafür zuständig. Regeln und Vorschriften sind zwar gut und wichtig, das heißt aber noch lange nicht, dass sie in bestimmten Fällen nicht dehnbar sind, besonders dann, wenn man einem Kind dadurch helfen kann, das schon zehn Jahre ums Überleben kämpft. Aber auch wenn ich Sharon unglaublich mag und sie mir durch diese Aktion noch mehr ans Herz gewachsen ist, hätte ich es doch für die Storyline an sich sehr interessant gefunden, wenn sie sich für ihren Alleingang in irgendeiner Art und Weise noch verantworten müsste. Das würde meiner Meinung nicht nur dem Charakter gut tun, sondern auch der Med-Truppe an sich. Ich würde es nämlich sehr begrüßen, wenn Sharons Team genauso hinter ihr steht, wie Wache 51 hinter Chief Boden. Aber vielleicht kommt noch etwas nach, womit die Zuschauer jetzt noch nicht rechnen.

Gefängnis für die Heilung

Neben dem Fall von Sharon ging es auch bei Will Halstead um etwas, wo eher das Menschliche im Vordergrund und zudem mit dem Fall von Connor Rhodes in Verbindung steht. Es wurde nicht nur das verletzte Pärchen ins Chicago Med eingeliefert, sondern auch gleich noch der Fahrer selbst. Diesem tut es unglaublich leid, was passiert ist. Alleine diese Aussage machte für mich deutlich, dass der ganze Unfall unabsichtlich geschehen ist und er seine Tat sofort bereut hat. Es ändert eben nur nichts daran, dass Verletzte daraus hervorgehen. Das Ganze wird noch dramatischer als Jay Halstead auftaucht und klar macht, dass Wills Patient nicht nur einen Unfall verursacht hat, obwohl das schon schlimm genug ist. Nein, er hat sogar ein Auto gestohlen und ist nicht zum ersten Mal straffällig geworden, wie man von seiner Frau erfahren hat.

Wirft man alle Fakten, die man bis dahin kennt, in einen Topf, entsteht die große Frage nach dem Warum? Warum wird ein Mann erneut straffällig, der genau weiß, dass er danach aller Wahrscheinlichkeit im Gefängnis landet und zudem seine Frau verliert, mit der er offenbar glücklich verheiratet ist? Das ergibt im ersten Moment alles überhaupt keinen Sinn. Der Grund für das Unverständnis, welches beim Betrachten dieser Taten entsteht, liegt am fehlenden Teil des Puzzles. Dieses wird uns erst nach einer Untersuchung durch Will geliefert. Nachdem sein Patient nämlich (erst einmal) ohne ersichtlichen Grund Blut spuckt, geht er der Sache auf den Grund und findet schließlich die Ursache: Sein Patient leidet seit Monaten an Lungenkrebs und weiß davon. Ja, dadurch ergibt auch der Tathergang eine Logik, die eigentlich traurig, emotional und berührend zugleich ist.

Wills Patient hat seiner Frau nämlich gar nichts von seiner Krebserkrankung erzählt und ist auch nicht krankenversichert. Eine Kombination, deren Ausgang eigentlich schon deutlich vorgezeichnet ist. Dabei wird für mich zwar noch einmal kurz die Frage nach dem Warum aufgeworfen, aber diesmal kann sich der Zuschauer die Antwort selbst darauf geben: Warum weiß die Frau nichts von der Krebserkrankung ihres Mannes? Wahrscheinlich liegt es daran, weil er seine Frau so sehr liebt und sie nicht leiden sehen will, wenn sie wüsste, dass er Krebs hat. Dadurch wählt er lieber den Weg, den er für besser hält. Somit erklärte sich für mich auch, warum er unbedingt auf die Polizei und das Gefängnis bestand: Er hat bereits mit allem abgeschlossen und sich seinem Schicksal gefügt. Allerdings ist da immer noch Will, der schon neulich gegenüber Natalie Manning erwähnt hat, dass er Arzt geworden ist, um den Menschen zu helfen.

Sehr schön fand ich, dass man seine Motivation bezüglich der Berufswahl durch seinen Fall nochmal unterstrichen hat und seine Beziehung zu seinem Bruder mit einbezogen hat. Noch vor kurzem hatte ich den Eindruck, dass Will etwas arrogant ist, was vielleicht immer noch so ist, aber dann auch Herz zeigt, wenn es angebracht ist. So zeigte sich auch in der gemeinsamen Szene mit Jay, wie unterschiedlich die Auffassung der beiden ist, wenn es darum geht, Menschen zu helfen. Während Jay nämlich absolut kein Verständnis dafür hatte, dass dem Unfallfahrer im Gefängnis geholfen wird, steht Will dem Ganzen sehr positiv gegenüber. Damit hat er sich bei mir in jedem Fall ein paar Sympathiepunkte verdient und ich bin gespannt, wie viele Unterschiede man noch zwischen den Brüdern erkennen wird.

Angst vor dem Weggang

In der letzten Folge hatte Natalie ihren kleinen Sohn Owen auf die Welt gebracht und ich hatte mich schon gefragt, wie man nun mit ihrem Charakter fortfahren will. So richtig ist man in diesem Punkt nicht vorangekommen, doch das ist nicht weiter schlimm. Dieses Mal haben die Autoren mehr Fokus auf Helen gelegt und ich fand es zeitweise doch recht amüsant. Wie wir ja wissen, war Jeff nicht nur der Mann von Natalie, sondern eben auch der einzige Sohn von Helen. Mich hat es schon bei ihrem allerersten Auftritt erstaunt, wie souverän sie mit ihrem Verlust umgeht und ich war schon gespannt, wann ihre Fassade mal bröckelt. Dabei hätte ich mir eigentlich denken können, dass spätestens mit Owens Geburt auch Helens Zusammenbruch kommt und sie dadurch nochmals realisiert, was sie eigentlich verloren hat.

Somit kann man auch verstehen, dass sie nun Angst hat, dass Natalie wieder zu ihren Eltern nach Seattle ziehen könnte. Sollte sie sich nämlich dafür entscheiden, wovon ich aber nicht ausgehe, dann hat Helen ihre letzte Erinnerung an ihren Sohn verloren, der ja durch Owen weiterlebt. Auf der anderen Seite kann man natürlich auch Natalie verstehen, deren Erinnerungen an Jeff sicherlich eben so schmerzen. Ich glaube aber nicht, dass sie sich auf längere Sicht in Seattle und in der Nähe ihrer Eltern wohl fühlen würde. Meiner Meinung nach lebt sie schon zu lange in Chicago, um allem den Rücken kehren zu können.

Erschreckend fand ich, dass Natalie nicht mal aufgefallen ist, wie unwohl sich Helen seit der Ankunft der Eltern fühlt. Sicherlich kann man dies auf die Hormone schieben, allerdings ist auch Will die Veränderung aufgefallen und das zeigt schon, dass er sehr aufmerksam ist. Allerdings bezieht sich seine Aufmerksamkeit mehr auf Helens freundlichen Umgang mit ihm. Noch in der letzten Folge war sie darum bemüht, Will von Natalie fern zu halten, nachdem sie bemerkt hat, dass er Gefühle für sie hat und Jeffs Tod erst wenige Monate zurückliegt. Umso erstaunlicher ist es ja jetzt, dass sie anscheinend alles dafür tut, um die beiden zusammenzubringen. Dabei ist es so offensichtlich, was sie damit bezwecken will: Sie will, dass Natalie in Chicago bleibt und Helen ist sich ziemlich sicher, dass Will sie dazu bringen kann. Es ist zwar ein bisschen dreist von ihr, Wills Gefühle für ihren eigenen Vorteil zu nutzen, besonders weil er versucht, sich an ihre Bitte zu halten. Irgendwie kann man ihr aber keinen Vorwurf machen, schließlich will sie durch Owen nur etwas näher an ihrem Sohn sein. Außerdem bin ich mir sicher, dass sich ihre Beziehung zu Natalie deutlich bessern wird und die beiden so vielleicht den Verlust besser verarbeiten können.

Was sonst noch so war

Wie ich schon schrieb, steht Wills Fall mit dem von Connor in Verbindung. Zunächst war ich zwar nicht sehr angetan, dass Connor den Fall der beiden jungen Leute bekommt, die sich am Unfalltag das erste Mal treffen. Damit will ich nicht sagen, dass er keine Gefühle hat, jedoch scheint er nicht der einfühlsamste Arzt zu sein bzw. lässt sich nicht so auf die Patienten ein. Letztlich sorgte die Verliebtheit der beiden dafür, dass er seine Beziehung zu Sam Zanetti besser verstehen kann. Mittlerweile denke ich nämlich, dass er vielleicht doch mehr für sie empfindet und es nicht nur eine Verbindung zwischen der beiden ist, die auf Sex beruht. Jetzt, da Sam aus Verletzungsgründen erst einmal arbeitsunfähig ist, wäre es interessant zu sehen, wie die beiden (abgesehen vom Sex) privat agieren. Vielleicht bekommen wir ja demnächst die ein oder andere Kostprobe.

April Sextons Fall hat mir zwar ganz gut gefallen, jedoch missfällt mir der Ausgang rund um Bobby doch etwas. Bobby ist ein Obdachloser, der völlig selbstlos seine Kleidungsstücke verschenkt und sich dabei gut fühlt. Leider liegt diesem Verhalten eine Krankheit zugrunde. Mittlerweile weiß man, dass Schlaganfälle verschiedene Auswirkungen auf einen Menschen haben können. Bei Bobby wäre es toll gewesen, wenn man es bei dem einen Schlaganfall belassen hätte, der dafür gesorgt hat, dass Bobby selbstlos ist und den Menschen hilft. Der zweite Schlaganfall hat leider dafür gesorgt, dass Aprils Patient völlig in sich gekehrt ist und überhaupt nichts mehr von der Welt mitbekommt. Dadurch musste leider auch April erkennen, dass wahrscheinlich nichts und niemand so ist, wie sie Bobby kennen gelernt hat. Auch wenn Daniel Charles mit seiner Aussage sicherlich recht hat, dass es eher auf den Blickwinkel ankommt, tröstet mich das nicht über den Ausgang der Handlung hinweg, weil mir die Szenen zwischen Bobby und April sehr gut gefallen haben. Man kann eigentlich nur hoffen, dass April gute Erinnerungen an Bobby behält.

Fazit

Mit #1.07 Schicksalsschläge hat sich diesmal nicht allzu sehr auf die Patientenfälle an sich konzentriert, sondern eher darauf, wie weit Krankenhauspersonal geht, um ein Menschenleben zu retten. Dadurch hat man Sharon als auch Will von einer Seite gesehen, die sie sympathischer denn je machen und die Folge besonders sehenswert macht.

Daniela S. - myFanbase


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